Die Kunst, stilvoll zu schreiben (2)

Kategorie: Textgestaltung

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Was wird heutzutage über die Jugend gelästert (wobei »Jugend« ja mittlerweile fast bis dreißig geht), wie oft wird behauptet, früher war alles besser? Aber was ist die Wahrheit? Es war nicht besser. Schon vor langer Zeit wurden dieselben Dinge bemängelt wie heute.

In der »Deutschen Stilkunst« von 1911 zitiert Eduard Engel einen Zeitgenossen:

Dem Durchschnitt des lebenden Geschlechts gebricht das Sprachgefühl so gänzlich wie keiner anderen Generation seit Lessings Tagen. Ja, selbst die Deutschen des 17. Jahrhunderts versündigten sich an ihrer Sprache nicht so frech wie die heutigen. – Die heutigen Barbarismen entspringen der Mißachtung, einer Rohheit des Gemüts, die gar nicht mehr weiß, was der Deutsche seiner Muttersprache schuldet. (Treitschke)

Und auch die Deutsche, aber die Männer damals waren noch nicht soweit.  Natürlich ist das ein sehr hartes Urteil, und wenn wir es von heute aus betrachten, fragen wir uns, was würde Treitschke wohl über die heutige Fantasy- und Mangageneration sagen? Vermutlich würden ihm da die Worte ganz fehlen, denn so etwas hätte er sich gar nicht vorstellen können.

Man könnte dennoch meinen, Engel spricht von der heutigen Zeit, wenn er sagt:

Unter allen schreibenden Kulturvölkern sind die Deutschen das Volk mit der schlechtesten Prosa.

Das ist wirklich hart. Als ich das las, mußte ich erst einmal schlucken. Engel trifft diese Aussage jedoch im Vergleich zur deutschen Poesie, der Lyrik, die er für außerordentlich gut hält. (Wir sprechen hier von Goethe und anderen deutschen Dichtern, nicht von dem, was heute so als »Gedicht« betrachtet wird.)

Wir sind das Volk mit einer poetischen Literatur, die sich an Adel und feinstem Reize der Form mit der jedes noch so sprachkünstlerischen Volkes messen kann, und wir sind das Volk mit der mangelhaftesten und unkünstlerischsten Prosa.

Obwohl damals die meisten Menschen sicherlich noch ihre großen Dichter gelesen hatten und von ihnen hätten lernen sollen, hat es anscheinend nicht bei allen geklappt.

Nur durch Lesen allein scheint man also auch nicht zu einem guten Stil zu kommen, da muß noch etwas anderes hinzukommen. Oder liegt es vielleicht daran, daß wir uns zu sehr nach dem Ausland richten, daß uns alles, was von dort kommt, besser erscheint als das, was wir selbst produzieren?

Ein Stilgebrechen des Deutschen ist allerdings nach den Zeugnissen eines Jahrtausends beinahe so alt wie die deutsche Literatur: die Durchsprenkelung des Redegewebes mit fremden Sprachfäden.

Na, das kennen wir doch gut. Jedes zweite Wort heutzutage ist Englisch, nicht Deutsch. Zu Engels Zeiten war es eher das Französische, das ins Deutsche eindrang, heutzutage ist es das Englische, das zu solchen Auswüchsen führt, aber die Ursache ist immer dieselbe: Wir sind anscheinend nicht stolz genug auf unsere deutsche Sprache. Wir schätzen sie nicht als Teil unseres Kulturerbes, als Teil unseres Nationalstolzes, wie es andere Nationen tun.


In Frankreich wird jedes Fremdwort verbannt, selbst ein Wort wie »Computer« gibt es in Frankreich nicht, der heißt dort »ordinateur«. In Deutschland wird hingegen jedes englische Fremdwort freudig begrüßt und sofort übernommen. Manche kennen die deutschen Begriffe gar nicht mehr.

Da fragt man sich, wohin soll das führen? Wird die deutsche Sprache ganz aussterben, weil sie niemand schätzt? Werden wir uns in einigen Jahren nur noch auf Englisch unterhalten oder vielleicht auf Türkisch? Immerhin hat ein Politiker vorgeschlagen, man sollte die deutsche Nationalhymne auch auf Türkisch singen. Weil die Türken ja ihre auch immer auf Deutsch singen . . .

So eine Idee kann wirklich nur in Deutschland entstehen. Kein Amerikaner, Engländer, Franzose oder Italiener käme auf so einen Gedanken. Die eigene Nationalhymne in einer anderen Sprache zu singen als in der eigenen Muttersprache, in der offiziellen Sprache des Landes.

Wenn man lieber englische Wörter benutzt als deutsche, stellt sich die Frage eines guten Stils natürlich nicht. Das ist auf jeden Fall schlechter Stil. Aber wir kommt man zu einem guten deutschen Stil, wenn man von einem solchen Sprachchaos umgeben ist?

Das Lesen, auch wenn es anscheinend als einzelne Anstrengung nicht genügt, ist auf jeden Fall eine gute Voraussetzung, aber – und das wird heute schon schwer – das Lesen original deutscher Bücher. Bücher von deutschen Autorinnen und Autoren, die auf Deutsch geschrieben wurden, nicht deutsche Übersetzungen englischsprachiger Bücher. Denn eins muß man auch immer mehr feststellen: Kaum ein Übersetzer oder eine Übersetzerin kann noch Deutsch.

Oftmals liest man in übersetzten Büchern Redensarten, die im Englischen üblich sind, wortwörtlich übersetzt statt die entsprechende deutsche Redensart einzusetzen. Mir kommt es so vor, als würden viele ÜbersetzerInnen die deutsche Redensart gar nicht kennen, nur die englische. Dabei sollten ÜbersetzerInnen das eigentlich in ihrem Studium gelernt haben.

Wenn es aber schon soweit ist, daß selbst ÜbersetzerInnen ihre eigene Muttersprache nicht mehr beherrschen, wie soll es dann die einfache Autorin können, die sich gar nicht weiter mit ihrer Muttersprache beschäftigen konnte, als es ihr die LehrerInnen in der Schule erlaubt haben?

Das ist in der Tat schwierig. Aber vielleicht könnten wir mit dem, was Eduard Engel bemängelt hat, anfangen: keine Fremdwörter benutzen. Ein guter deutscher Stil zeichnet sich dadurch aus, daß er mit möglichst wenigen Fremdwörtern auskommt.

Ganz verbannen kann man sie nicht, aber man sollte sich bei jedem Fremdwort überlegen, ob es dazu nicht eine deutsche Alternative gibt. (Die gibt es normalerweise.) Und falls man sie nicht kennt, einfach mal in einem ganz normalen Englisch-Deutsch-Lexikon nachschlagen. Die findet man auch auf dem Internet, beispielsweise unter http://dict.leo.org/.

Wenn man seine Texte nach Fremdwörtern durchforstet, wird man sich wundern, wie viele man findet. Wir haben uns schon so angewöhnt, gewisse Fremdwörter zu benutzen, daß wir es fast gar nicht mehr merken.

Als Übung einfach einmal einen Text nehmen und jedes Fremdwort anstreichen. Übrigens: »cool« ist auch ein Fremdwort.

Wenn man einen Roman schreibt, beschreibt man Menschen auch durch das, was sie sagen, durch die Wörter, die sie benutzen. In einem Dialog dürfen also durchaus auch einmal Wörter wie »cool« vorkommen, im beschreibenden Text aber nicht.