Als Ilara losgeritten war, hatte sie nicht gewusst wohin. Doch kaum hatte sie das Schloss verlassen, sah sie Hufspuren auf dem Boden des Waldes, der das Schloss an drei Seiten umgab. Zwei Pferde nebeneinander.

Wer konnte das wohl sein? Na, das war wohl keine Frage. Livia und Lady Imogen, wer sonst? Ihr Gesicht erglühte.

Immer noch wusste sie nicht genau, was sie tun sollte, aber eines wusste sie: Sie musste etwas tun. Sie war nicht bereit, sich wie ein unnützes Ding behandeln zu lassen, das man einfach so in die Ecke stellen konnte.

Der Park des Schlosses war riesig. Es gab einen See auf der einen Seite des Schlosses, von dem kleine Flüsse abgingen, die einen Teil des Geländes durchzogen. Über diese Flüsse führten Brücken von einer Seite auf die andere. Auch hatte sie in der Entfernung einige kleinere Gebäude gesehen, von denen sie nicht wusste, wofür sie gedacht waren.

Sicherlich hätte sie das ganze riesige Besitztum später einmal erforschen wollen, aber dass sie es nun gleich am ersten Tag unternahm, das war nur Livia zu verdanken. Livia und Lady Imogen.

Mit Ärger erinnerte Ilara sich daran, wie Imogen ihr am Tisch des Hochzeitsmahls gegenübergesessen hatte, wie sie mit Livia geschäkert hatte, obwohl sie wusste, dass Ilara ihr gegenübersaß und das alles sehen konnte. Offenbar besaß Imogen keinerlei Scham.

Zu dem Zeitpunkt war Ilara zu müde gewesen, um sich über irgendetwas aufzuregen. Aber jetzt war sie ausgeschlafen, und sie war nicht bereit, das einfach so zu vergessen.

Es war das einzige Mal, dass sie Lady Imogen gesehen hatte, und ehrlich gesagt hatte sie keinerlei Bedürfnis, sie noch einmal zu sehen. Aber sie vermutete auch, dass sich das nicht vermeiden lassen würde, wenn Imogen mit Livia dermaßen vertraut war.

Vertraut. Für Ilara war das ein Wort, das sie mit Livia bislang überhaupt nicht vereinbaren konnte. Für Imogen war es eine Selbstverständlichkeit.

Da sie den Hufspuren folgen wollte, musste Ilara langsam reiten und nahm dabei auch ihre Umgebung wahr. Es war wunderschön hier, das ließ sich nicht bestreiten.

Auch Caelan hatte ein Schloss und einen Park, aber dort dienten sie vor allem der Repräsentation, wie es sich für ein Königreich und seine königliche Familie gehörte. Caelan war allerdings nur ein sehr kleines Königreich. Es hätte wahrscheinlich mehrmals in Avelyn hineingepasst.

Zudem war Ilaras Vater in keiner Weise prunksüchtig. Ihrer Mutter war nur der Garten wichtig, um den sie sich sehr liebevoll kümmerte. Das war eine Ausnahme, denn liebevoll war unter sonstigen Umständen kein Wort, das Ilara mit ihrer Mutter in Verbindung gebracht hätte.

Das Königspaar von Caelan lebte jedenfalls bescheiden, verglichen mit dem von Avelyn. Ilara hatte das nie als einen Nachteil empfunden. Sie hatte immer das Gefühl gehabt, alles zu besitzen, was sie brauchte.

Mit ihrem Vater hatte sie zudem ein besseres Verhältnis als mit ihrer Mutter, aber er war immer so beschäftigt. Er nahm seine Pflichten als König und seine Verantwortung für seine Untertanen sehr ernst und wollte, dass es allen Bewohnern von Caelan gut ging, nicht nur denen im Schloss.

Ilaras ältester Bruder Rudo, der Kronprinz, wurde genau in diesem Geist erzogen. Die restlichen fünf Kinder, die Portia geboren hatte, waren zwar da, aber nicht so wichtig.

Ilara war die Jüngste. Ihre älteren Geschwister waren alle bereits verheiratet. Doch vor ihrem achtzehnten Geburtstag war das für Ilara nicht möglich gewesen. So waren die Regeln.

Damals, als sie vier Jahre alt gewesen war, war sie Livia versprochen worden, die nur vier Jahre älter war als sie. Wenn möglich, sollten Ehepaare im Alter nicht so weit auseinanderliegen. Das wurde als positiv betrachtet, damit sie sich besser verstehen konnten.

Ob es wirklich so positiv war, das wagte Ilara mittlerweile zu bezweifeln.

Früher hatte sie sich ehrlich gesagt nicht so viele Gedanken darüber gemacht. Aber wie hatte sie auch wissen können, was sie hier erwartete?

Eine andere Mutter als Portia hätte sie vielleicht darauf vorbereitet. Aber ihre Mutter hatte das nicht für nötig gehalten. Und ihr Vater war wie immer beschäftigt. Vermutlich sah er es auch nicht als ein großes Problem an, dass Ilara heiratete. Sich um sein Königreich zu kümmern, war ihm wichtiger.

Und als zum Schluss noch Wellen in der Magie zu spüren gewesen waren und ein Zauberer aufs Schloss geholt werden musste, war Ilaras Hochzeit völlig in den Hintergrund gerückt.

Kurz runzelte Ilara die Stirn. Bisher war noch nie ein Zauberer geholt worden, wenn die Piraten etwas gestohlen hatten. Überhaupt war es sehr merkwürdig, dass sie etwas mit der Magie zu tun haben sollten. Die Magie hatte sie immer ziemlich ignoriert. Sie behandelte die Piraten im Grunde genommen wie ungezogene kleine Kinder und schien sie nicht ernst zu nehmen.

Was genau da vor sich ging, konnte allerdings niemand sagen, denn niemand konnte mit der Magie sprechen. Die Zauberer hatten es anscheinend früher einmal gekonnt, vor fünfhundert Jahren. Aber diese Fähigkeit war offenbar verloren gegangen.

Sehr eingehend hatte Ilara sich noch nie mit diesem Gebiet beschäftigt. Das tägliche Leben beeinflusste die Magie eigentlich nicht. Sie sorgte nur für Frieden.

Allerdings war es schon vorgekommen, dass Königshäuser gezügelt worden waren. Auf die einfachen Menschen traf das nicht zu. Doch für die Königshäuser galten andere Maßstäbe.

So hatte Ilara einmal von einem König gehört, der sein Territorium erweitern wollte, nicht durch einen Krieg, sondern einfach dadurch, dass er seine Truppen immer weiter in ein kleineres Nachbarkönigreich hineinschickte. Die Truppen des Nachbarkönigs waren nur so eine Art Dekoration gewesen, für repräsentative Anlässe.

So hatte König Jimla wohl gedacht, wenn er keinen Krieg verursachte, würde die Magie das hinnehmen.

Doch die Magie hatte es nicht hingenommen.

Als der König seinen Truppen nachzog, um dem Nachbarkönig offiziell seine Unterstützung anzubieten, was natürlich nur ein Vorwand war, um das Land übernehmen zu können, hatte die Magie reagiert.

Der König und seine Truppen kamen plötzlich nicht mehr weiter. Es war, als hätte sich eine unsichtbare Wand vor ihnen aufgebaut. Eine Weile versuchten sie, dagegen anzukämpfen, doch es war aussichtslos.

Daraufhin hatte der König den Rückzug befohlen. Seine Truppen konnten danach auch in ihre Heimat zurückkehren, er jedoch nicht. Auf dem Weg über die Grenze gab es ebenfalls eine unsichtbare Wand, die aber nur für ihn galt. Die Magie tötete nicht, aber sie beschränkte.

König Jimla hatte sein eigenes Königreich nie wieder betreten können und war von da an auf die Gnade des Königs angewiesen, den er hatte unterwerfen wollen.

Der hatte sich tatsächlich gnädig gezeigt, aber Jimla, nun nicht mehr König, hatte das nicht ertragen können. Er wollte nicht von der Huld eines anderen abhängig sein.

Das Letzte, was man von Jimla gehört hatte, war, dass er in den Wäldern verschwunden war. Niemand hatte ihn je wieder gesehen.

Diese Geschichte wurde schon lange erzählt, und sie hielt andere Könige und Königinnen davon ab, ihr Land unter ungeklärten Umständen zu verlassen, wie jetzt auch Ilaras Eltern.

Die Zauberer hatten gespürt, dass etwas nicht in Ordnung war, es aber nicht genau benennen können. Deshalb hatte Ilaras Vater einen von ihnen aufs Schloss geholt. Er war gewissermaßen das Oberhaupt der Zauberergilde, auch wenn es dort keine Könige gab. Könige konnten niemals Zauberer und Zauberer niemals Könige sein.