Es ist der dritte Tag, an dem nichts vorangeht.

Es ist nicht dieses Erschrecken vor der leeren Seite, von dem immer alle reden. Ich sitze da, ich schreibe sogar, ich bringe Sätze zustande. Sie sind nur tot. Ich lese sie am nächsten Morgen und weiß, dass sie weg müssen, und das Schlimmste daran ist, dass ich nicht sagen könnte, was mit ihnen nicht stimmt.

Sucht man danach, findet man überall einen einzigen Ratschlag. Es ist immer derselbe, egal wen man fragt oder in welchem Schreibratgeber man nachliest: Schreib einfach weiter. Erlaube dir einen schlechten ersten Entwurf. Dranbleiben, der Rest ergibt sich beim Überarbeiten.

Manchmal ist das genau richtig, das weiß ich, denn ich habe den Ratschlag schon selbst gegeben. Aber manchmal wird es dann auch immer schlechter, man schreibt sich richtiggehend in die Ecke.

Denn hinter demselben Symptom, dass es nicht weitergeht, stecken zwei völlig verschiedene Probleme. Das eine sitzt in mir. Das andere sitzt im Text. Und der Standardratschlag heilt das eine und verschlimmert das andere.

Das, was man so allgemein Schreibblockade nennt, hat mit dem Buch wenig zu tun. Diese Art Schreibblockade – wobei ich mich eigentlich weigere, es so zu nennen, aber tun wir es mal hier in diesem Artikel aus Gründen der Verständlichkeit – kommt aus Angst, aus Erschöpfung, aus Perfektionismus, aus Druck von außen, aus einem Leben, in dem gerade zu viel los ist. Ihr Kennzeichen ist, dass sie unspezifisch ist. Sie betrifft nicht dieses Kapitel, sondern sie betrifft das Schreiben.

Dagegen hilft tatsächlich, was alle sagen. Den Anspruch senken. Sich trotzdem hinsetzen. Spazieren gehen. Warten, bis die Probleme sich von selbst verflüchtigen. Das sind gute Ratschläge, aber nur, wenn das Problem auch das ist, auf das die Ratschläge passen.

Denn wenn das Problem nicht in mir sitzt, sondern im Text, nützt das alles nichts. Habe ich beim Schreiben eine falsche Abzweigung genommen, könnte ich schreiben. Der Text will nur nicht dorthin, wo ich hinwill, weil ich ihn schon in eine Richtung gelenkt habe, die woanders hinführt, die nicht zu dem passt, was ich eigentlich erreichen wollte.

Irgendwo habe ich eine falsche Entscheidung getroffen. Meistens, weil es bequem war oder in dem Augenblick so wahnsinnig logisch erschien, ich aber nicht die Konsequenzen bedacht habe. Das passiert leicht beim entdeckerischen Schreiben. Entwickelt man einen Plot, ist die Gefahr geringer.

Nicht wirklich gebannt, denn man kann auch einen Plot in die falsche Richtung schreiben und das erst nach einer Weile merken. Das lässt sich allerdings dann meistens leichter beheben. Wenn schon der ganze Text bis dahin geschrieben ist, alle Szenen und Kapitel, sieht das anders aus. Dann muss man eventuell viel Text streichen, Szenen, die man liebt und an denen man hängt, und das tut weh.

In dem Moment muss man hart gegen sich selbst sein, da hilft alles nichts. Eventuell wollte man unbedingt ganz viele Informationen loswerden – das nennt sich Info Dump, und dazu gibt es schon Artikel in der Schreibwerkstatt –, wollte nicht damit warten, um sie später Stück für Stück einfließen zu lassen, was die bessere Methode ist, und nun steht man da, und es ist schon viel zu viel gesagt, festgelegt, in eine ganz bestimmte Richtung vorgegeben.

Eventuell hat man sich auch zu sehr in eine Figur verliebt und möchte gern, dass sie bestimmte Dinge tut. Oder auch das Gegenteil. Man hasst eine Figur so sehr, dass man sie loswerden will, obwohl es zu diesem Zeitpunkt für die Geschichte noch gar nicht gut ist.

Vielleicht ist es auch eine bestimmte Szene, die man unbedingt schreiben wollte, die man im Kopf hat und auf Teufel komm raus nicht losbekommt, aber sie passt an dieser Stelle einfach nicht oder, noch schlimmer, sie widerspricht allem, was bisher war, dem Charakter der Figur, der Entwicklung der Geschichte.

Man liebt diese Szene, möchte sie unbedingt behalten, aber es geht einfach nicht. Solche Szenen kann man aber gut aufheben für das nächste Buch, sie müssen nicht verloren sein. Nur in diesem Buch muss man darauf verzichten.

Eine wichtige Entscheidung, die man treffen muss, ist, ob man im Moment tatsächlich nicht schreiben kann oder ob man nur genau das hier nicht schreiben kann. Das ist der entscheidende Unterschied. Gerade in den letzten Tagen habe ich das festgestellt.

Ich hatte ein Projekt angefangen, ein Buch, das mir sehr am Herzen liegt, schon seit Jahren. Nun wollte ich es endlich schreiben, und der Anfang lief auch ganz gut. Aber plötzlich war Schluss, ich wusste nicht mehr weiter. Ich wurde regelrecht depressiv, weil ich wirklich das Gefühl hatte, ich kann nicht mehr schreiben.

Meine Frau erklärt mir bei solchen Gelegenheiten immer, dass das Unsinn ist, dass ich natürlich schreiben kann, das hätte ich ja schließlich oft genug bewiesen, dass es nur im Moment aus irgendeinem Grund nicht geht, vielleicht weil ich zu erschöpft bin oder zu viel anderes im Kopf habe.

Das ist sehr logisch und sehr wahr, aber es hilft mir in dem Augenblick nicht weiter. Ich fühle mich einfach unfähig.

Manchmal hilft es mir dann, das Projekt beiseite zu legen und etwas anderes anzufangen, ein neues Buch. Wenn ich sehr erschöpft bin, hilft das Naheliegendste: ich muss einfach nur einmal ein oder zwei Nächte richtig schlafen. Auch Saxophonspielen oder Klavierspielen statt Schreiben ist eine gute Wahl.

Das Einzige, was ich nicht tun darf, ist das, was immer geraten wird: mich jeden Tag hinsetzen und versuchen, an dem Projekt, das steckengeblieben ist, weiterzuschreiben. Das macht mich dann richtig fertig.

Manchmal wird mir beim Schreiben allerdings auch tatsächlich richtig langweilig. Das ist ganz und gar kein gutes Zeichen, denn dann stimmt irgendetwas an der Geschichte nicht. Schreiben ist mein Leben, das kann nie langweilig sein. Es ist das, was ich am liebsten tue und wofür ich auch nach vielen Jahrzehnten immer noch brenne.

Langeweile ist das Schlimmste, was einem beim Schreiben passieren kann. Die Geschichten, die ich schreibe, erzähle ich mir selbst, weil es die Geschichten sind, die ich gern lesen würde. Und liest man in einem Buch weiter, wenn einem dabei langweilig ist? Nein. So ein Buch schlägt man zu, versucht es vielleicht noch ein zweites Mal, aber dann legt man es endgültig weg und es verstaubt.

Wenn einem das mit der Geschichte eines anderen Autors oder einer anderen Autorin passiert, ist das nicht schön, aber damit kann man leben. Wenn es einem mit der eigenen Geschichte passiert, kann man nicht damit leben. Man muss es ändern. Sonst wird man nie mehr glücklich. Jedenfalls nicht mit dieser Geschichte.