Schriftstellertraining, 3. Übung

Kategorie: Übungen

Gefühle. Gefühle zu beschreiben ist eine ganz spezielle Kunst. Die beiden ersten Übungen bezogen sich mehr auf Äußerlichkeiten, jedesmal wurde die Situation durch äußere Einflüsse bestimmt, den Löwen oder einen Überfall im Supermarkt. Beide Situationen haben zwar mit Gefühlen wie Angst beispielsweise zu tun, aber die Gefühle kamen nicht von innen heraus, sondern wurden der Protagonistin sozusagen aufgezwungen. Sie konnte sich die Art des Gefühls nicht aussuchen. Kaum jemand wird wohl bei einem Überfall Liebe empfinden.

Hier nun geht es genau um das, um das Wichtigste im Leben, die Liebe bzw. sagen wir allgemeiner positive Gefühle, die mit anderen Menschen verbunden sind. Positiv insofern, als Liebe für mich einfach grundsätzlich ein positives Gefühl ist. Dieses Gefühl kann aber durchaus auch mit anderen Gefühlen gemischt sein. Oftmals sind Gefühle ein Sammelsurium verschiedener Eindrücke und gar nicht so einfach zuzuordnen.

Sehr beliebt in Liebesromanen ist Liebe gemischt mit Zweifel. Sich nicht sicher zu sein, ob die Liebe, die man selbst empfindet, erwidert wird. Sich nicht sicher zu sein, ob das Objekt der Liebe die Wahrheit sagt oder lügt, ob sie etwas verschweigt. Kein Mensch ist je ganz offen, vor allem nicht am Anfang einer Beziehung, also ist der Zweifel eigentlich der natürliche Begleiter der Liebe. Jeder Mensch möchte sich im besten Licht darstellen, zeigt am Anfang nur seine Schokoladenseite, um das Gegenüber für sich einzunehmen. Oft zeigen sich die negativen Seiten erst später.

Es gibt viele Möglichkeiten, Gefühle darzustellen, eine der elegantesten ist natürlich Show don't tell, wo das Gefühl nicht benannt werden muss, weil es gezeigt wird. Aber auch ohne Show don't tell kann man Gefühle zeigen, das hängt ganz von den Vorlieben der Autorin ab.

Wichtig bei der Beschreibung von Gefühlen ist, dass das Gefühl bei der Leserin ankommt. Wenn ich Liebe beschreibe, muss die Leserin Liebe empfinden, es reicht nicht, wenn nur ich das beim Schreiben empfinde.

Sehr wichtig ist es auch, bei der Person zu bleiben. Es ist praktisch unmöglich, eine gefühlvolle Situation zu schaffen, wenn die Perspektive ständig wechselt. Die Leserin muss sich mit der Person, die das Gefühl empfindet, identifizieren können, sie muss eintauchen können in die Gefühlswelt der Protagonistin, ohne ständig herausgerissen zu werden.

Nun also die Aufgabe: Die erste Begegnung von zwei Frauen, die sich zuvor noch nie gesehen haben. Die Begegnung erfolgt zufällig, sie ist nicht geplant. Es kann sein, dass sie im Supermarkt mit ihren Einkaufswagen zusammenstoßen, es kann sein, dass sie sich im Schwimmbad begegnen, während die eine das Wasser verlässt und die andere hineingeht. Vielleicht sitzen sie nebeneinander im Bus oder im Flugzeug, vielleicht sehen sie sich in einem Restaurant, umgeben von anderen, so dass nur Blicke getauscht werden können, keine Worte. Die Möglichkeiten sind endlos. Suchen Sie sich eine aus.

Ich gebe diesmal keine direkte Länge vor, aber ich denke, eine DIN-A4-Seite sollte das Minimum sein. Es kann auch mehr werden. Auf dieser Seite sollte es nur und ausschließlich um Gefühle gehen, möglichst wenig um Äußerlichkeiten. Tauchen Sie ganz tief ein in die Gefühlswelt Ihrer Protagonistin, beschreiben Sie, was sie denkt und fühlt, lassen Sie sich nicht von der Beschreibung nebensächlicher Dinge wie der Umgebung ablenken. Bleiben Sie in einem ganz engen Kokon, der nicht über Kopf und Herz der Protagonistin hinausgeht.