Eröffnungsszenen schreiben (Krimi u.a.)

Kategorie: Romane

Momentan beschäftigen wir uns im Schreibforum viel mit Krimis, und zwar anhand des Buches von Larry Beinhart: Crime - Kriminalromane und Thriller schreiben

Eröffnungsszenen sollten stark sein und – wie beispielsweise der erste Absatz eines Zeitungsberichts – das gesamte Buch widerspiegeln. (Quelle: Crime)

Man muss nur davon ausgehen, wie man selbst Bücher kauft. Man schaut vielleicht den Klappentext an, und wenn der interessant erscheint, schlägt man das Buch auf und liest den Anfang. Ganz Interessierte lesen vielleicht noch in die Mitte rein. Aber meistens ist es nur der Anfang. Reißt der mit? Spricht er mich an? Und dementsprechend kaufe ich das Buch oder auch nicht.

Hier als Beispiel der Anfang des Romans Morphium (Originaltitel Sad Cypress) von Agatha Christie:

»Elinor Katharine Carlisle. Sie sind angeklagt des Mordes an Mary Gerrard, begangen am 27. Juli dieses Jahres. Bekennen Sie sich schuldig oder nicht schuldig?«
(...) Sir Edwin Bulmer, der Verteidiger, verspürte einen Schauder der Bestürzung. Mein Gott, dachte er. Sie wird sich schuldig bekennen. Die Nerven haben sie im Stich gelassen.

Eine packende Eröffnungsszene ist eine Szene, die Kräfte freisetzt, die die erzählerische Dynamik in Gang setzt. Und das Kopfkino im Kopf der Leserin eröffnet.

Wir kennen Elinor Carlisle in diesem Moment noch nicht, aber wir wissen schon, dass sie keine gewöhnliche Angeklagte ist. Ob schuldig oder nicht, das können wir nicht sagen, aber irgendetwas an ihr ist anders als an einer üblichen Kriminellen. Ist sie überhaupt eine Kriminelle? Und schon lesen wir weiter, wollen wissen, was passiert ist, was sie in die Situation gebracht hat, hier vor Gericht zu stehen.

Es ist natürlich sehr von der Art des Krimis abhängig, wie man den Anfang gestaltet. In den langweiligen Geschichten um Serienkiller, die heute so viel veröffentlicht werden, würde der Anfang nie so aussehen wie hier bei Agatha Christie. Da geht es gleich mit Blut und irgendwelchen widerlichen Verstümmelungen los. Anscheinend spricht das viele Leute an, mich schreckt es ab, ich lese bei so etwas nicht weiter.

Die »Landhauskrimis« oder auch »Cosy Krimis« im Stil von Agatha Christie wandten sich noch an ein etwas anderes Publikum als das heutige. Die Leser wollten Rätsel lösen, Geheimnisse lüften, eine spannende Erforschung der Hintergründe, warum das Verbrechen passiert war und wie, und zum Schluss die Bestrafung des Schuldigen. Wenn heute etwas erforscht wird, dann höchstens die ach so schlimme Kindheit des Serienkillers, die ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Eine Entschuldigung für seine Taten sozusagen, statt an die Opfer zu denken.

Es ist also etwas völlig anderes, ob man einen Serienkillerroman schreiben will, in dem eher der Täter der Held ist als der Detektiv, oder ob man eine klassische Geschichte schreiben will, in der man wenig Sympathie für den Killer entwickelt und eher den Detektiv oder die Detektivin als sympathisch empfindet.

Wenn man die Eröffnungsszene schreibt, ist es bei einem Krimi von Nutzen, wenn man auch das Ende schon kennt. Bei jedem Roman ist das nützlich, bei einem Krimi aber besonders. Ganz bestimmt gibt es auch Krimiautoren, denen eine tolle Eröffnungsszene einfällt, ohne dass sie wissen, wie das Buch zu Ende geht, aber möglicherweise ist es dann schwierig, den Rest des Romans so spannend zu gestalten wie die Eröffnung.

Einige Verlagslektorinnen oder auch Literaturagenturen stöhnen mittlerweile schon, dass sie immer mehr Manuskripte bekommen, die eine tolle Eröffnung haben, aber danach ist die Luft raus. Wenn diejenigen, die dafür zuständig sind, Manuskripte zu beurteilen, also ihr altes Muster beibehalten und nur den Anfang des Manuskripts lesen, dem Autor oder der Autorin daraufhin einen Vertrag anbieten, weil die Eröffnung so gut ist, kann es sein, dass sie später feststellen, dass das Manuskript aus nicht viel mehr besteht als der Eröffnung, weil danach nur noch heiße Luft kommt. Dann wird es wohl ein sehr teures Lektorat.

Wenn man eine wirklich gute Autorin sein will, ist es selbstverständlich, dass man das ganze Buch im Blick behalten muss. Eine gute Eröffnungsszene kann jedoch zu Entwicklungen führen, die das erleichtern. In der Eröffnungsszene wird die Hauptfigur vorgestellt, eventuell auch ihre Beziehungen zu anderen Figuren oder eine Besonderheit, die sie von anderen unterscheidet. Das sollte Spannung aufbauen. Es sollte nicht einfach nur wie ein Foto sein oder wie ein Lebenslauf.

Wie Larry Beinhart sagte: Die Eröffnungsszene ist sozusagen das Buch im Kleinen. Worauf läuft das Buch hinaus? Bei Morphium erscheint es so, als ob der Anfang schon das Ende wäre, denn offenbar ist die Mörderin ja bereits gefasst und steht sogar schon vor Gericht, die Ermittlungen sind also schon abgeschlossen. Ihr Anwalt hat Angst, dass sie sich schuldig bekennen könnte, was ihm jede Chance nähme, sie zu verteidigen, aber wir wissen nicht, ob sie tatsächlich schuldig ist. Doch warum sollte sie sich schuldig bekennen, wenn sie es gar nicht ist?

Und das ist das Buch im Kleinen. Darum geht es in der ganzen Geschichte. Elinor wird von Schuldgefühlen geplagt, weil sie eifersüchtig auf Mary Gerrard war. Mary war ein äußerst attraktives junges Mädchen, das jeder mochte. Sie zeigte ihre Gefühle offen, was Elinor nicht möglich ist. Sie ist die typische Oberklassen-Engländerin, dazu erzogen, immer mit der sprichwörtlichen ›steifen Oberlippe‹ herumzulaufen. Das führte dann dazu, dass der Mann, den Elinor von klein auf liebt, sich Mary zuwandte. Und kurz darauf war Mary tot. Elinor hatte ihr den Tod gewünscht, weil sie ihr das einzige weggenommen hatte, das für Elinor wichtig war, eben jenen geliebten Mann. Also fühlt Elinor sich jetzt für den Tod von Mary verantwortlich. Aus diesem Schuldgefühl heraus erscheint sie schuldig, und sie verteidigt sich schlecht bis gar nicht. Deshalb steht sie nun vor Gericht, und alle denken, sie war es.

Die Indizien deuten auf sie, und nur auf sie. Sie hatte Motiv, Mittel und Gelegenheit – und jeder kann verstehen, dass sie das genutzt hat. Wie üblich bei Agatha Christie entwirrt sich das Knäuel erst langsam, denn am Anfang gibt es keine Hinweise darauf, dass es jemand anderer gewesen sein könnte. Die Auflösung am Schluss ist ziemlich überraschend.

Es gibt kein Blut in diesem Krimi, keine Verstümmelungen, keine Action. Alles läuft sehr gesittet ab, in einem Tempo, das uns heute sehr gemächlich erscheint. Trotzdem ist es spannend, weil man sich fragt, was wohl passiert sein könnte, wenn es nicht das war, dessen Elinor jetzt angeklagt ist. Welche anderen Möglichkeiten es gibt.

In der Eröffnungsszene fragt man sich das bereits, weil Agatha Christie sie mit Hinblick auf das Ende – das sie allein kannte – geschrieben hat. Schon in der Eröffnungsszene ist alles enthalten, was wir wissen müssen. Wir können es nur noch nicht sehen. So müssen Eröffnungsszenen sein.