Spannend wird eine Geschichte erst dort, wo der Alltag aufhört

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Unsere täglichen Diskussionen im Schreibforum machen uns allen vieles klarer, was wir vielleicht unbewusst einfach so hinschreiben oder auch weglassen. Für jede Autorin ist etwas anderes wichtig, und so verlieren sich die einen in Beschreibungen des Alltags, während die anderen direkt in eine Situation hineinspringen, mit einem Dialog oder einem aufregenden Ereignis, das den Alltag durchbricht.

Immer wieder kommt es dabei darauf an, die richtige Balance zu finden zwischen dem, was erzählt werden muss, was die Leserin unbedingt wissen muss, und dem, was sie eher langweilen würde oder was sie überblättert, um endlich erzählt zu bekommen, was zwischen den beiden Liebenden passiert.

Der Blick auf die Leserin ist ein wichtiger Punkt. Was mich interessiert, muss die Leserin nicht unbedingt interessieren. Ich muss also eine Entscheidung fällen, was ich hinschreibe und was ich weglasse. Das einzige Kriterium ist eine spannende Geschichte.

Spannend ist nicht für jede dasselbe, aber lange Beschreibungen sind für die wenigsten spannend (auch wenn es einige Ausnahmen gibt). Jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit zu fahren ist beispielsweise nicht spannend. Wenn aber ein Unfall geschieht, kann es spannend werden. Das außergewöhnliche, nicht alltägliche Ereignis, das uns aus der Routine reißt, macht eventuell selbst die Fahrt zur Arbeit zu einer Zeitperiode, die beschrieben werden muss. Wenn auch nicht in allen Einzelheiten.

Worauf ich in den el!es-Romanen (in meinen eigenen, aber auch in denen anderer Autorinnen) immer Wert gelegt habe, ist, dass es sich um fiktionale Ereignisse handelt, nicht um autobiographische, selbst erlebte. Die man dann auch noch einfach nur aneinanderreiht – genauso, wie sie ursprünglich passiert sind, in derselben Reihenfolge, also chronologisch. Auch Dinge, die tatsächlich passiert sind, die wir selbst so erlebt haben, können durchaus spannend sein – oder damals gewesen sein. Möglicherweise haben sie unser Leben auf eine Art unterbrochen, die sehr dramatisch erscheint.

Diese Dramatik beruht aber oft auf dem Zufall und auf unserer eigenen Wahrnehmung, ist also sehr subjektiv und von Dingen abhängig, die wir so in einem Roman gar nicht würden haben wollen. In unserem täglichen Leben hatten wir keinen Einfluss darauf, weil wir unser Leben nicht „scripten“, wie das heute so schön heißt und in vielen Reality-Shows so gehandhabt wird. Wenn wir beispielsweise in einer Koch-Show irgendwelche Gefühlsausbrüche erleben, heißt das noch lange nicht, dass es tatsächlich so war. Es wurde gescriptet, von professionellen Drehbuchautoren so vorgegeben, und wird dann vor der Kamera so dargestellt, als wäre es echt und spontan.

Warum ist das so? Warum lässt man selbst in so einer Show nicht alles so ablaufen, wie es eben einfach abläuft? Weil das höchst langweilig wäre. Das tägliche Leben ist nicht spannend. Selbst wenn es vielleicht darum geht, die Existenz eines Restaurantbetreibers oder einer Restaurantbetreiberin zu retten, wäre das reine Zeigen des aktuellen Zustands für uns als Zuschauer nicht besonders mitreißend. Auch wenn es das für die Beteiligten ist.

Der Unterschied ist: Es ist ihre Existenz, um die es geht, nicht unsere. Wenn man das einfach nur gezeigt bekommt, kann man vielleicht für einen Augenblick mitfühlen oder sich an Dinge erinnern, die man selbst einmal in einer schlimmen Situation gefühlt hat, aber es berührt uns trotzdem nicht wirklich, wenn wir nicht in die Situation mitgenommen werden. Wir schalten den Fernseher oder den PC ab – und schon sind wir wieder in unserer eigenen Welt, mit unseren eigenen Problemen, und nicht mehr bei den Problemen derjenigen, die uns da gezeigt wurden.

So muss es natürlich auch sein. Anders geht es gar nicht. Wir können nur unser eigenes Leben führen. Das Leben anderer führen die jeweils anderen, darauf haben wir keinen Einfluss. Oder nur sehr bedingt wie beispielsweise bei unseren eigenen Kindern. Die aber auch irgendwann erwachsen werden und ihre eigenen Entscheidungen treffen.

Ein Buch und speziell ein Roman ist etwas völlig anderes. Dort führen wir als Autorinnen das Leben anderer Personen. Und haben auch die volle Kontrolle darüber. Möglicherweise – je nach Genre und Anzahl der Figuren in unserer Geschichte – führen wir sogar das Leben sehr vieler verschiedener Personen. Und jedes dieser Leben muss verschieden sein, muss sich von dem jeder anderen Figur unterscheiden. Während wir als Realperson nur ein einziges Leben haben, das wir führen und führen können.

Hier kommt nun also unsere Phantasie ins Spiel. Die es uns ermöglicht, nicht nur von uns selbst auszugehen, sondern die Perspektive zu wechseln. Was für die eine meiner Figuren in einem Roman spannend ist, kann für eine andere Figur – die ich ebenso erfunden habe und kontrolliere – absolut langweilig sein. Beide Figuren werden von mir durch ihr jeweiliges Leben geführt, aber diese beiden Leben treffen sich nur an bestimmten Punkten. Nämlich dann, wenn die beiden Figuren sich treffen.

Bei einem Liebesroman bedeutet das für die beiden Hauptfiguren, dass sie sich treffen und ich dann ihrer beider Leben zusammenführen muss – in eine gemeinsame Zukunft. Für Nebenfiguren, die keine Liebesgeschichte mit einer der beiden Hauptfiguren haben (auch wenn sie sich eine wünschen oder früher eine mit einer der beiden Hauptfiguren hatten), bedeutet es, nach gewissen Berührungspunkten zweier verschiedener Leben führen deren Lebenswege wieder auseinander. Oder entwickeln sich zu einer anderen Qualität, nämlich beispielsweise Freundschaft statt Liebe.

Damit es spannend bleibt, darf das alles aber nicht so ablaufen wie im täglichen Leben. Der Alltag kommt natürlich auch zum Tragen – sie trinken Kaffee zusammen, sie gehen vielleicht zusammen einkaufen oder treffen sich mit Freunden, sie haben Sex –, aber das darf nicht der zentrale Punkt der Geschichte sein. Solche alltäglichen Dinge vermitteln der Leserin das Gefühl, dass es eine realistische Geschichte ist, dass die Figuren keine Roboter sind, die einfach nur etwas vorspielen, ohne emotional daran beteiligt zu sein, aber auch wenn es dieses vermitteln soll, darf es niemals der Alltag oder die Realität sein. Denn dann wird es für die Leserin wieder langweilig.

Das ist der Unterschied zwischen einem Tagebuch und einem Roman. In einem Tagebuch können auch dramatische und sogar spannende Dinge stehen, aber es wird so berichtet, wie es passiert ist, wie äußere Umstände es haben passieren lassen. Das ist sehr passiv. Wie das Vorlesen von Nachrichten in der Tagesschau.

In einem Roman hingegen geschieht alles aktiv. Ich als Autorin entscheide bei jedem Wort, bei jedem Satz, bei jeder Situation, was geschehen soll. Das muss ich entscheiden, sonst geht die Geschichte nicht weiter. In meinem Alltag passiert eventuell auch etwas ohne mein Zutun. Andere Leute tun etwas, und das betrifft mich. Ein Sturm kommt auf, und das betrifft mich. Auch wenn ich das gar nicht will.

Bei einer erfundenen Geschichte, die ich schreibe, gibt es keinen Sturm, solange ich das nicht erfinde. Solange ich das nicht hinschreibe. Welche Figur auch immer etwas tun soll – und sogar nicht tun soll – das entscheide ich. Und was immer ich als Autorin entscheide, das beeinflusst den Fortgang der Geschichte in die eine oder andere Richtung.

Deshalb muss ich mir vorher überlegen, welche Folgen eine solche Entscheidung, die ich als Autorin treffe, für die Geschichte und für die Figuren in meiner Geschichte hat. Im Alltag muss ich das oft nicht entscheiden, es kommt einfach auf mich zu und ich muss dann darauf reagieren.

Als Autorin reicht reagieren nicht. Als Autorin muss ich agieren, also handeln. Und dabei darüber nachdenken, was ich damit in meiner Geschichte bewirke. Nicht nur für meine Hauptfigur oder meine Hauptfiguren, sondern auch für alle Nebenfiguren und alle Ereignisse, die irgendeine der Figuren betreffen.

Das alles habe ich als Autorin in meiner Hand. Im Gegensatz zu meinem Alltag, auf den ich nur beschränkten Einfluss habe. Auch dort habe ich Einfluss durch Entscheidungen, die ich treffe, aber auch andere Menschen haben Einfluss auf mich, durch die Entscheidungen, die sie treffen. Ebenso wie das Wetter oder die aktuelle wirtschaftliche Lage oder was auch immer. Alles Dinge, auf die ich keinen oder nur sehr eingeschränkten Einfluss habe.

In meinem eigenen Buch habe ich Einfluss auf alles und kann es so spannend gestalten, wie ich mir meinen Alltag vielleicht manchmal wünschen würde, er es aber nicht ist.

Das ist das Spannende am Schreiben: Ich kann alles beeinflussen, alles entscheiden, für jede Figur, für jede Situation.

Aber das muss ich auch tun. Denn sonst wird selbst eine erfundene Geschichte nicht spannender sein als mein Alltag.