Heute geht es mit dem zweiten Teil der Dialogserie weiter. Im ersten Teil hatten wir einen Dialog, wie er für ein Drehbuch geschrieben wird, bereits etwas ergänzt, aber noch nicht sehr viel Romanhaftes hinzugefügt. Was ist nun dieses Romanhafte?
Wie wir im ersten Teil gesehen haben, sind reine geschriebene Dialogzeilen manchmal nicht ausreichend, um all die Informationen zu vermitteln, die wir brauchen, um den Inhalt zu verstehen. Denn normalerweise wird ein Dialog nicht geschrieben, sondern gesprochen. Wenn er gesprochen wird, gibt es außer den Wörtern, die gesagt werden, noch sehr viele andere Kennzeichen und Hinweise, wie diese Wörter gemeint sind. Ganz abgesehen davon, dass in einem gesprochenen Dialog kein Zweifel daran besteht, wer gerade spricht.
Das alles müssen wir in einem Roman über geschriebenen Text verdeutlichen. Der erste Schritt dazu war, dass wir die Sprecherinnen markiert haben. Sagte Magdalena oder sagte Anne reichte dazu aus, machte den Text über den Dialog hinaus aber noch nicht sehr interessant. Alle anderen Informationen wurden rein über die Dialogzeilen weitergereicht. Mehr gab es nicht.
Also fehlt uns immer noch das, was die Essenz eines persönlichen Gesprächs zwischen zwei Menschen ausmacht. Darunter versteht man im allgemeinen Mimik und Gestik, also Gesichtsausdrücke, Handbewegungen, Körperbewegungen, aber auch die Art des Sprechens an sich. Schnell oder langsam, aufgeregt oder gedämpft, nüchtern oder gefühlvoll. Die Liste kann man nach Belieben erweitern.
Zögert ein Mensch, bevor er eine Antwort gibt, hat das eine Bedeutung. Kann die Freundin, die uns etwas erzählt, die Silben gar nicht schnell genug über die Lippen bringen, überschlägt sich ihre Stimme fast dabei, ebenso. Der Satz mag einfach nur lauten „Ich muss dir etwas erzählen“, aber er kann durch diese Ergänzungen, die im persönlichen Gespräch unvermeidbar sind, völlig anders bei mir ankommen.
Schauen wir uns das einmal am Beispiel des schon bekannten Dialogs aus dem ersten Teil an. Dort hatten wir zum Schluss das sagte für jede Figur hinzugefügt und auch Anführungszeichen, wie sie bei geschriebenem Dialog üblich sind. Was noch fehlte, waren die Kennzeichen, über die wir nun gesprochen haben. Das Drumherum, das wir nicht beschreiben müssen, wenn wir das Gespräch persönlich mit einem Menschen führen.
In diesem Dialog geht das sogar schon vor Beginn des Dialogs los, denn es wird ja auch beschrieben, wo der Dialog stattfindet. Eventuell stände da in einem Drehbuch auch die Zeit wie Morgen, Mittag oder Abend.
Heutzutage ist man nicht mehr so an Zeiten gebunden, wenn man hauptsächlich über E-Mails oder Messenger-Nachrichten kommuniziert – die können zu jeder Zeit ankommen –, aber früher wurde die Post meistens morgens zugestellt. Da es hier um einen Brief geht, den Magdalena soeben erhalten hat, gehen wir also einmal davon aus, dass sie gerade zur Arbeit ins Büro gekommen ist.
„Verdammt!“ Wütend zerriss Magdalena den Brief und warf ihn in den Papierkorb.
„Schlechte Nachrichten?“ Ihre Sekretärin Anne kam mit einem fragenden Gesichtsausdruck zur Tür herein.
In Magdalena wuchs der Ärger noch an. Sie fühlte, dass sie Anne anschreien wollte, dass sie sie in Ruhe lassen sollte, doch im letzten Moment beherrschte sie sich. Nur dass ihre Mundwinkel sich trotzig verzogen, konnte sie nicht verhindern. „Nein, gute.“
Anne arbeitete lange genug für sie, um das nicht zu glauben, aber als gute Sekretärin, die sie war, hob sie nur die Augenbrauen.
„Mein Vater ist gestorben“, quetschte Magdalena zwischen schmalen Lippen hervor.
Zwar hatten sich Annes Augenbrauen jetzt wieder gesenkt, aber ihr Gesichtsausdruck wirkte immer noch irritiert.
Dass sie nichts sagte, machte Magdalena noch gereizter, als sie es ohnehin schon war. „Ich habe ihn seit zwanzig Jahren nicht gesehen“, knurrte sie widerwillig. „Er ist ein Fremder für mich.“
Hatte sie sich jetzt gerade bei Anne dafür entschuldigt? Am liebsten hätte Magdalena etwas an die Wand geschleudert, das mit einem lauten Geräusch zerbrach. Vielleicht hätte sie das beruhigt. Allerdings zweifelte sie daran.
Als Anwältin war sie es gewöhnt, Dinge nüchtern zu betrachten. Kaum jemand hätte in ihr diese Unbeherrschtheit vermutet. Sie war gut darin, das zu verstecken. Doch heute gelang ihr das nicht.
„Sie brauchen sich vor mir nicht zu rechtfertigen, Frau Doktor.“ Annes ruhige Stimme klang so unbeeindruckt wie immer, und dennoch konnte Magdalena in ihrem jetzigen Gemütszustand nicht anders, als einen Vorwurf darin zu vermuten.
Sie schloss kurz die Augen und versuchte, die Fassung, die ihr sonst so leicht zur Verfügung stand, wiederzugewinnen. „Ich rechtfertige mich nicht, es ist nur –“
Ein paar Sekunden lang war es still im Raum, dann trat Anne einen Schritt auf sie zu, blieb danach jedoch wieder stehen. „Sie haben nie von Ihrem Vater gesprochen.“
Und das will ich auch jetzt nicht! Die Gereiztheit in Magdalena ließ sie die Lippen zusammenpressen. „Wir hatten kein gutes Verhältnis.“
Fast reflexartig warf Anne einen Blick auf den Papierkorb, der besagen zu sollen schien: Offensichtlich.
Verärgert bemerkte Magdalena diesen Blick und konnte sich nun endgültig nicht mehr beherrschen. Hatte Anne da gerade ein Urteil über sie gefällt? Was fiel ihr ein? „Ja, ja, ich weiß! Kinder sollen ihre Eltern lieben, bla, bla, bla …“
In Annes Gesicht zuckte nichts, aber Magdalena hatte das Gefühl, es hätte es getan.
„Ich habe nichts gesagt.“ Es schien, als ob Anne einen weiteren Schritt auf den Schreibtisch zu machen wollte, sich aber im letzten Moment dagegen entschied.
„Aber gedacht.“ Immer noch gereizt starrte Magdalena sie an.
Dass Anne, die ruhige, beherrschte Sekretärin, die jede Situation und jeden unzufriedenen Mandanten meisterte, sich nicht auf eine Konfrontation mit ihr einlassen würde, hätte sie sich denken können.
„Ich brauche hier noch Ihre Unterschrift“, sagte sie nur, trat endgültig zum Schreibtisch vor und legte ihr einen Brief hin. „Wenn dann nichts mehr ist, würde ich gehen.“
In diesem Moment beneidete Magdalena Anne um ihre Ruhe. Sie hätte gern etwas davon abgehabt.
Sie unterschrieb den Brief, ohne hinzuschauen. „Ja, ist gut.“
Anne nahm den Brief, steckte ihn in ihre Mappe und ging zur Tür.
Nachdem sie den Raum verlassen hatte, drehte Magdalena sich zum Fenster und starrte hinaus.
Erinnerungen überfielen sie. Erinnerungen an ihre Kindheit, Erinnerungen an das Dorf, an weite Felder und Wiesen, über die sie als kleines Mädchen lachend gesprungen war.
Das war alles so lange her, und doch stand es plötzlich wieder so klar vor ihrem inneren Auge, als wäre es gestern gewesen.
Er war also tot. Na dann …
Der Unterschied ist deutlich erkennbar, denke ich. Das, was im Drehbuchdialog der Darstellung der Schauspielerinnen überlassen wird, muss in einem geschriebenen Dialog der Text leisten.
Genau das ist die eigentliche Aufgabe, vor der wir als Romanautorinnen stehen: Wir haben keine Schauspielerin, die uns die Zweifel in der Stimme oder das Zucken um die Mundwinkel abnimmt. Jedes Zögern, jeder unterdrückte Vorwurf, jede Geste muss auf der Seite stehen, und zwar so, dass die Leserin sie „hört“ und „sieht“, ohne dass wir sie ihr erklären.
Das klingt nach viel Arbeit, und das ist es auch. Aber es ist auch die Stelle, an der ein Dialog vom reinen Informationsträger zur Szene wird, die man mitfühlt.
Ein „Nein, gute.“ allein ist nur ein Satz. Mit dem trotzig verzogenen Mundwinkel davor wird daraus ein Mensch, der sich gerade selbst belügt. Das müssen wir der Leserin nicht sagen, das merkt sie. So wie wir es in einem persönlichen Gespräch merken würden, wenn Magdalena uns gegenüberstände.
An den Dialogzeilen selbst habe ich nichts geändert – wenn man einmal von dem Verdammt! am Anfang absieht, das ich hinzugefügt habe –, aber die Darstellung hat sich doch sehr verändert.
Man könnte das vielleicht damit vergleichen, wie man heutzutage alte Schwarzweißfilme koloriert. Es verändert nichts an den Szenen, an den Orten, an den Schauspielern, an der Tonlage, und doch fügt die Farbe etwas hinzu, das zuvor nicht da war.
Ob man das bei der Nachkolorierung von alten Schwarzweißfilmen gut findet, lasse ich dahingestellt sein – Schwarzweißfilme haben nun einmal ihren eigenen Reiz –, aber ich glaube, das Prinzip eines Romandialogs verglichen mit einem Theater- oder Drehbuchdialog wird dadurch klarer.
Der Dialog an sich existiert auch ohne all das, was ich jetzt hinzugefügt habe, aber ohne das ist er fast kahl wie ein Baum im Winter. Man sieht immer noch den Baum, den Stamm, die Äste, die Form an sich, aber es fehlt die Lebendigkeit der frischen Blätter, der frischen Farbe, über die wir uns im Frühling so sehr freuen.
Diese frischen grünen Blätter sind es, die wir in einem Romandialog wachsen lassen müssen, damit auch unsere Leserinnen sich daran erfreuen können.
Und nun viel Spaß beim Dialogschreiben. 📝 😊