Vor Kurzem stellte eine schreibende Kollegin in der Werkstatt eine Frage, die mich zunächst irritiert hat. Sinngemäß schrieb sie: Sie kommt bei keinem ihrer Projekte über den Anfang hinaus. Das erste Kapitel steht, sie ist zufrieden damit. Aber sobald sie überlegt, wie es weitergehen soll, fühlen sich die Ideen, die eigentlich in die Geschichte passen würden, für sie falsch an.

Und je länger sie über eine Idee nachdenkt, desto schlimmer wird dieser Eindruck. Da sie nicht plottet, nur so ungefähr weiß, wo die Geschichte vielleicht hingehen soll, kann sie sich auch nicht am Plot festhalten und fühlt sich dadurch oft verloren.

Meine erste spontane Reaktion war: Was ist das Problem? Ich fühle immer, was meine Figuren fühlen. Ich habe über dreißig Jahre und viele, viele Bücher lang ohne festen Plot geschrieben, die Geschichte entsteht beim Schreiben, und ich spüre genau, wie es weitergehen muss, was ich dann auch zu Papier bringe. Das ergibt sich einfach von selbst, aus dem, was ich selber denke und fühle.

Aber als ich ihre Frage genauer gelesen habe, wurde mir klar: Das ist gar nicht dasselbe Problem, das ich vermutet hatte. Sie fühlt nicht zu wenig, sie fühlt zu genau. Und das blockiert sie. 

Es gibt, glaube ich, zwei ganz unterschiedliche Gründe, seine Geschichte nicht zu fühlen. Der eine Grund entsteht aus zu distanziertem Schreiben: Man verwaltet die Handlung, konstruiert Szenen wie einen Bauplan, Figur A muss zu Punkt B, damit C ausgelöst wird. Und irgendwann merkt man, dass der Text zwar funktioniert, aber leer bleibt.

Der andere Grund ist subtiler, und genau den beschrieb meine Kollegin: Sie hat ein sehr feines Gespür dafür, was sich richtig anfühlt, aber jede Idee, die sie sich bewusst ausdenkt, um die Handlung voranzubringen, fällt bei diesem inneren Test durch. Nicht weil die Idee schlecht wäre, sondern weil sie aus der falschen Richtung kommt.

Das ist der Kern: Es gibt Ideen, die man sich überlegt, weil die Geschichte sie braucht, und es gibt Ideen, die aus der Figur selbst entstehen. Die erste Art fühlt sich fast immer ein bisschen künstlich an, egal wie klug sie konstruiert ist, weil man von der Handlung her denkt statt von der Figur aus. Man fragt sich „Was muss jetzt passieren?“ statt „Was würde sie jetzt tun?“

Meine Kollegin beschrieb genau dieses Muster: Sobald sie „richtig anfangen“ will, beginnt sie zu überlegen, was als Nächstes passieren soll, also von der Handlung her zu denken. Und genau in diesem Moment verschwindet das Gefühl. Das ist kein Zeichen dafür, dass sie zu anspruchsvoll ist. Es ist eher ein sehr zuverlässiger innerer Kompass, der ihr sagt: Du denkst gerade in die falsche Richtung.

Immer schon wurde empfohlen, in jedem Schreibratgeber, auch von mir, sich der Methode des „Was wäre, wenn?“ zu bedienen. Das ist ein guter Ratschlag, wenn man eine Geschichte vorantreiben will. Aber es fehlt etwas daran, denn die Frage „Was wäre, wenn?“ enthält keinen persönlichen Bezug, sie steht quasi frei im Raum, ohne dass man festlegt: „Was wäre, wenn mit wem?“

Die zweite Beobachtung, die sie gemacht hat, bestätigt das noch: Je länger sie über eine Idee nachdenkt, desto schlechter fühlt sie sich an. Das passt genau ins Bild. Nachdenken ist Konstruktion. Wer eine Idee lange analysiert, bevor er sie ausprobiert, verstärkt zwangsläufig den Plot-Anteil und schwächt den Figuren-Anteil. Das Gefühl verblasst nicht, weil die Idee falsch war. Es verblasst, weil das Nachdenken selbst es überdeckt.

Muss man nun wirklich alles spüren, bevor man es hinschreibt? Bin ich sozusagen mein eigenes Versuchskaninchen, an dem ich alles ausprobieren muss, damit ich weiß, wie es wirkt, ob es das Richtige ist? 

Nein, das muss man nicht. Aber die Richtung, in die eine Szene geht, muss stimmen, muss sich richtig anfühlen. Wie auch meine Kollegin sagte, merkt man es sofort, wenn sie das nicht tut. Auch ich habe das immer gemerkt, wenn ich versucht habe zu plotten. Es fühlt sich einfach falsch an. Für mich.

Es muss sich richtig anfühlen, sonst kann ich es nicht schreiben. Und ob es sich richtig anfühlt, kann ich nicht feststellen, wenn ich plotte, ich muss es hinschreiben, jedes einzelne Wort, und es danach nachlesen können, fühlen, ob es mit mir mitschwingt und ich mit dem Geschriebenen mitschwinge.

Ich probiere Dinge im Schreiben aus, nicht im Kopf. Eine Idee, die beim Nachdenken tot wirkt, kann beim tatsächlichen Schreiben plötzlich lebendig werden. Und umgekehrt. Eine Idee, die einem im ersten Moment ganz toll vorkommt, lässt sich einfach nicht so zu Papier bringen, dass sie sich immer noch toll anfühlt. Sie führt nirgendwo hin oder in eine Richtung, bei der dann gar nichts mehr geht, sodass man sich völlig in die Ecke geschrieben hat.

Weil die Figur beim Schreiben selbst reagiert. Und manchmal ganz anders, als ich es mir vorher überlegt hatte. Oftmals übernehmen die Figuren die Geschichte, die Handlung, geben sogar die Richtung vor. Wenn man nicht auf seine Figuren hört, ist man tatsächlich schnell verloren, das habe ich auch selbst schon so erlebt.

Das Handwerk des Schreibens, professionelles Schreiben wird oft mit Plotten gleichgesetzt. Das liegt ja auch nahe, denn fürs Plotten gibt es feste Regeln, denen man folgen kann. Eins zu eins, wie in der Schule.

So funktioniert mein Schreiben beispielsweise jedoch nicht. Ich fühle auch die Regeln, nach denen ich mich richte, aber sie festzuhalten wäre schwierig. Ich spüre, wohin die Figur will, und folge ihr, sobald ich über sie schreibe, sie denken oder handeln lasse.

Oft sogar eher denken. Meine Romane sind nicht sehr handlungsorientiert, Action spielt darin nur selten eine Rolle, wirklich nur im Ausnahmefall, wenn ich es unbedingt brauche, dass etwas geschieht, das sich nicht durch inneren Monolog, durch darüber Nachdenken oder ein Gespräch lösen lässt.

Plotten fühlt sich für uns Schriftstellerinnen, die wir so schreiben, einengend an, aber völlig ohne Richtung verliert man sich auch. Da muss man aufpassen.

Gerade bei einem Liebesroman gibt es schon einen groben Plot, wenn man so will. Sie trifft sie, sie verliert sie, sie bekommt sie. Das steht gefühlt schon tausendmal hier in der Schreibwerkstatt.

Und doch ist das noch keine Geschichte. Es ist eine Art roter Faden, mehr nicht. Wie genau das Treffen stattfindet, wie genau die Trennung stattfindet, wie genau das Wiederfinden stattfindet, das kann sich von Autorin zu Autorin, von Buch zu Buch sehr unterscheiden. Und muss es natürlich auch, sonst wäre es ja furchtbar langweilig. Hat man ein Buch gelesen, hat man alle gelesen.

Was viele von Liebesromanen behaupten, aber das sind meist diejenigen, die tatsächlich noch nie einen Liebesroman gelesen haben. Oder nur schlechte. Auf jeden Fall keinen el!es-Roman. 😎

Das Entscheidende ist also, von der Figur aus zu denken, nicht von der Handlung aus. „Was würde sie jetzt tun?“ oder sogar „Was würde ich jetzt tun, wenn ich an ihrer Stelle wäre?“, nicht „Was würde jetzt der Handlung nützen?“

Plotter müssen den ganzen Weg kennen wie auf einer Straßenkarte, bei der man von Anfang an die Route festlegt, damit man auf die bestmögliche Art, am schnellsten, mit der schönsten Landschaft um sich herum, am bequemsten oder was auch immer die eigenen Wünsche sind, dort ankommt, wo man hinwill.

Wir, die wir unsere Geschichte – und sogar auch das Ende – erst aus der Situation heraus entwickeln, können so nicht planen. Wir kennen nur ein einziges Detail des Endes, nämlich dass die beiden sich bekommen, dass sie glücklich werden müssen. Das könnte man vielleicht mit einem Ziel wie „Wir fliegen im Urlaub nach Australien“ vergleichen. Australien liegt fest, der Rest ist offen. Was wir dort erleben werden, wissen wir noch nicht.

Jedenfalls nicht im Detail, nur in ganz groben Umrissen.

Was wir uns erwarten, wissen wir vielleicht, nicht aber, was wirklich passieren wird.

Und es kommt immer anders, als man denkt, und schon gar anders, als man es geplant hat. Da sind Urlaubsreisen einem Roman durchaus vergleichbar. 

Der nächste Satz, die nächste Szene ergibt sich erst beim Schreiben selbst, nicht vorher am Schreibtisch, im Kopf.

Was zum Schluss als Einziges zählt, ist das Ergebnis: ein wirklich schöner, gefühlvoller Liebesroman.

Wie man dieses Ziel erreicht, ist nebensächlich. Hauptsache, man erreicht es.

Die Leserinnen werden sich freuen. 😊