Die 4. Woche des NaNoWriMo liegt hinter uns, nur noch zwei Tage vor uns. Wer bis heute durchgehalten hat, müsste heute 46.677 Wörter erreichen, um im Endspurt der letzten beiden Tage auf die angepeilten 50.000 Wörter zu kommen.

Wie kommt man in 4 Wochen auf 50.000 Wörter? Das erste Stichwort, das einen da anspringt, ist Handwerk. Das schriftstellerische Handwerk erlaubt es, gezielt vorzugehen und sich nicht in Details zu verlieren, die erst einmal für die reine Wortanzahl nichts bringen.

Nun ist das Handwerk für viele vor allen Dingen junge (das heißt nicht unbedingt altersmäßig jung, sondern nur, dass man gerade erst mit dem Schreiben angefangen, sich noch nicht viel damit beschäftigt hat) Autorinnen zuerst oftmals ein Buch mit sieben Siegeln. Aber auch Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, wie man so schön sagt. Also mit Geduld und Spucke kann man alles erreichen.

Das ist vermutlich ein Spruch, den die Jüngeren gar nicht mehr kennen. Das haben eher unsere Großeltern gesagt. Dennoch trifft der Spruch immer noch zu. Geduld ist ein ganz wichtiger Faktor bei jeder Art von Lernen. Unter anderem auch deshalb, weil unser Gehirn Zeit braucht, Dinge zu verarbeiten, neue Synapsen, das heißt, neue Verbindungen zu bilden, die das Gelernte auch verankern können, sodass wir es anwenden können und es nicht mehr verlorengeht.

Spucke ist einfach Fleiß. Man spuckt in die Hände und packt eine Sache an. Auch eine altertümliche Ausdrucksweise und doch auch immer noch gültig. Heutzutage spricht man lieber von Kontinuität. Jeden Tag zehn Minuten einer Sache zu widmen bringt mehr als einmal in der Woche mehrere Stunden. So baut man langsam auf, ohne sich zu übernehmen, und erreicht mit der Zeit (=Geduld) ein stabiles Fundament.

Wer einen handwerklichen Beruf gelernt hat, sagen wir mal, den einer Schreinerin, wird wissen, dass am ersten Tag der Lehre noch nichts von dem möglich war, was man nach drei Lehrjahren mit links erledigt.

Trotzdem denken viele, Schreiben kann man einfach so, ohne es gelernt zu haben. Nicht Buchstaben malen wie in der ersten Klasse in der Schule – ich glaube, es ist klar, dass ich das nicht meine –, sondern einen Roman schreiben oder eine Kurzgeschichte. Gedichte lasse ich jetzt hier einmal beiseite, denn das ist noch ein ganz anderes Thema.

Im NaNoWriMo geht es darum, in vier Wochen einen Roman von fünfzigtausend Wörtern zu schreiben. Es wird nicht verlangt, dass dieser Roman perfekt sein muss. Er muss nur geschrieben sein. Um die Überarbeitung kann man sich später kümmern.

Was jedoch kaum sinnvoll sein dürfte, ist, einfach fünfzigtausend beliebige Wörter zu schreiben. Dann könnte man immer denselben Satz oder sogar dasselbe Wort nehmen und das einfach so lange hinschreiben, bis man die fünfzigtausend Wörter erreicht hat. Logischerweise würde man so etwas jedoch nicht als Roman bezeichnen.

Ein Roman sollte eine Geschichte enthalten, nicht nur Wörter. Eine Geschichte besteht üblicherweise aus einem Anfang, einem Mittelteil und einem Schluss. Das lernt man sogar schon in der Schule. Was man dort jedoch nicht lernt, ist, wie man einen Roman schreibt. Lehrerinnen sind im Allgemeinen keine Schriftstellerinnen und wissen gar nicht, wie das geht, deshalb können sie es auch niemandem beibringen.

Doch wer bringt einem so etwas bei? Gibt es eine IHK-Prüfung für Schriftstellerinnen nach einem, zwei oder drei Jahren? Nein, die gibt es nicht. Schriftstellerei ist kein Lehrberuf. Es wird einfach erwartet, dass man sich das selbst beibringt, wenn man unbedingt schreiben will.

Am besten lernt man Schreiben durch Lesen, das wird immer wieder gesagt, und ich würde das auch als eine wichtige Voraussetzung betrachten. Je mehr man liest, desto mehr prägen sich bestimmte Sachen wie Rechtschreibung, Grammatik und Syntax ein, wie die Erwartungshaltung, wie eine Geschichte zu verlaufen hat, was eine Geschichte ausmacht.

In manche Geschichten fühlen wir uns sofort hineingezogen, andere langweilen uns und lassen uns das Buch nach kurzer Zeit wieder zuschlagen. Wie machen die das? fragt man sich dann manchmal, wenn man selbst schreiben will. Zumindest fragt man sich das, wenn man nicht nur für die Schublade schreiben will, wie man es früher ausdrückte. Heute würde man vielleicht sagen, nicht nur für die Festplatte oder für die Cloud. Wenn man also nicht nur schreiben, sondern auch gelesen werden will, Leserinnen finden will, die das mögen, was man schreibt.

Wie schon in meinen letzten Beiträgen gesagt, gibt es zwei verschiedene Arten, wie man einen Roman bewältigen kann. Einmal kann man sich die Geschichte im Voraus überlegen, jedes einzelne Kapitel, sogar jede einzelne Szene planen und in Stichworten hinschreiben bis zum Ende des Buches.

Die andere Art ist, sich einfach hinzusetzen und anzufangen zu schreiben, ohne sich vorher ganz genau zu überlegen, wie die Geschichte verläuft. Eine Szene nach der anderen, ein Dialog nach dem anderen, eine Situation nach der anderen ergibt sich erst beim Schreiben aus dem heraus, was uns dabei in den Sinn kommt.

Welche Methode die bessere ist, das kann man nicht sagen. Die Methoden sind einfach nur anders, und es kommt darauf an, was einem besser liegt. Die einen lieben es, ihre Geschichte im Voraus zu planen, die anderen hassen es. Diejenigen, die gern planen, hassen es genauso, ohne Plan zu schreiben. Das ist auf irgendeine unerklärliche Art in uns eingeprägt.

Wenn man sich beim Schreiben zu verbiegen versucht, wird man damit meistens nicht glücklich. Das ist wie mit allen anderen Dingen im Leben. Je treuer man sich selbst bleibt, desto zufriedener wird man sein.

Ich habe lange Zeit versucht, meine Geschichten zu planen, meine Romane zu plotten. Und ich bin immer daran gescheitert. Meine Romane erzählen sich mir, während ich sie schreibe. Daran kann ich nichts ändern.

Für den Bereich des Plottens gibt es viele Schreibratgeber. Da braucht man nur einmal in einen Laden zu gehen, auf dem Internet zu suchen oder bei Amazon. Man wird sehr viel finden, was dieses Thema behandelt. Wenn man sich mithilfe eines solchen Schreibratgebers auf den NaNoWriMo vorbereitet, liegt man sicherlich nicht falsch.

Für diejenigen unter uns, die sich einfach hinsetzen und schreiben, gestaltet sich das schon etwas schwieriger. Setz dich einfach hin und mach ist kein sehr handwerklicher Ratschlag. Doch auch für uns gibt es Dinge, an die wir uns halten können.

In diesem Zusammenhang weise ich immer wieder auf eins hin: Die Figuren machen die Geschichte. Auch wenn man sich einfach hinsetzt und losschreibt, muss man eine Vorstellung von seinen Figuren haben, von den Charakteren, die die Geschichte tragen. Ich habe an anderer Stelle schon einmal über das Alter Ego geschrieben, und kein Schriftsteller, keine Schriftstellerin kann mir erzählen, dass nicht eine ihrer Figuren zumindest zum Teil ein Alter Ego ist. Wir sind alle nur menschlich und schöpfen aus unseren Erfahrungen.

Doch dabei darf es nicht bleiben. Ein Alter Ego kann die Voraussetzung sein, aber dann muss es weitergehen. Ich muss auch Figuren erfinden, die vielleicht sogar das Gegenteil meines Alter Egos sind, und bei jeder Figur muss ich mich fragen, wie würde meine Figur in der einen oder anderen Situation reagieren? Was wäre, wenn? Bei jeder Szene muss ich mich das fragen, bei jedem Dialog, bei jeder Handlung, bei jeder Überlegung, die ich meiner Figur welcher Figur auch immer, Alter Ego oder nicht andichte. Das ist nicht das Handwerk des Plottens, aber es ist das Handwerk des Schreibens.

Eine Figur muss konsistent sein, das heißt, sie darf nicht einmal so und einmal so reagieren, sondern man muss sich auf sie verlassen können. Bis auf das eine Mal, wo sie plötzlich etwas lernt und über ihren Schatten springt. Denn auch das Unerwartete, der sogenannte Twist, ist ein Teil des Handwerks. Wenn eine Geschichte immer nur so vor sich hinplätschert, ohne dass sich etwas ändert, ohne dass die Figur etwas lernt, ohne dass sie auch einmal anders reagiert, als man es von ihr erwartet, wird es sehr, sehr langweilig.

Doch dass eine Figur bei ihren Entscheidungen im Roman herumspringt wie ein Lämmerschwanz, mal so, mal so, ganz nach Belieben, ohne dass man erkennen kann, was sie eigentlich will, lässt eine Geschichte auch sehr schnell sehr langweilig werden. Mit einer solchen Geschichte werden die Leserinnen sehr unzufrieden sein und sie schnell zur Seite legen, sich etwas anderem zuwenden.

Handwerk ist also vor allen Dingen das, was aufeinander aufbaut. Eine Geschichte, die nicht mal in die eine, dann in die andere Richtung läuft, sondern schon ein gewisses Ziel hat. Man kann in einer Geschichte auch Umwege gehen, aber dessen sollte man sich bewusst sein und das Ziel niemals aus den Augen verlieren.

Unser Ziel im NaNoWriMo sind 50.000 Wörter UND eine gute Geschichte, nicht nur die 50.000 Wörter allein. Wenn die Geschichte noch nicht fertig ist, wenn die 50.000 Wörter geschrieben sind, spielt das keine Rolle, aber wenn keine Geschichte vorhanden ist, obwohl da 50.000 Wörter im Zähler des Textprogramms stehen, das ist ein Problem.

Die Figuren konsistent halten, die Geschichte auf ein Ziel ausrichten, auch einmal Umwege oder Twists einbauen, das alles ist wichtig, und das alles ist Handwerk. Wenn man Schreibratgeber liest, könnte man meinen, ohne Plot geht nichts. Aber davon sollte man sich nicht irremachen lassen.

In diesem Sinne: ob Plot oder nicht auf in den Endspurt der letzten beiden Tage oder der letzten 3333 Wörter! Ist das nicht eine schöne Zahl? 😎