Das Thema mit der Hand schreiben kommt anscheinend immer wieder auf, Jahr für Jahr. Es gibt eine Menge YouTube-Videos dazu und Blogartikel, und auch in Schriftstellerforen lese ich das öfter. Mit der Hand zu schreiben soll angeblich die Kreativität befördern.
Viele Studien gibt es dazu nicht, denn wie soll man das auch messen, Kreativität? Was es allerdings gibt, sind Erkenntnisse, dass man besser lernt, sich besser Dinge einprägen kann, wenn man sie aufschreibt. Die Erfahrung haben wir alle schon in der Schule gemacht, wenn wir das niedergeschrieben haben, was uns LehrerInnen erzählt haben.
Zumindest früher schrieb man in der Schule immer mit der Hand. Man lernte, die ersten Buchstaben zu malen, dann Silben, dann Wörter, dann Sätze. Und irgendwann entstanden daraus Gedanken, die vielleicht sogar zu Geschichten wurden. Bei mir jedenfalls.
War das nun ein Zeichen dafür, dass das Schreiben mit der Hand zu Kreativität führt?
Das würde ich nicht so sagen. Man kann ja beispielsweise auch eine Einkaufsliste mit der Hand schreiben, und das hat überhaupt nichts mit Kreativität zu tun.
Dass man sich Dinge besser merken kann, wenn man sie hinschreibt, ist glaube ich unbestritten, aber etwas Kreatives daraus zu machen, ist doch ein ganz anderes Thema.
Und mir scheint, auch beim Hinschreiben spielt die Gewohnheit eine große Rolle. Ich tippe nun schon seit Jahrzehnten in einen Computer, während ich davor lange Jahre mit der Hand geschrieben habe, auch Geschichten mit der Hand geschrieben habe.
Ich kann nicht feststellen, dass das Schreiben mit der Hand dazu führt, dass ich mir Dinge besser merke, als wenn ich es in einen Computer tippe. Es ist einfach nur bequemer und schneller, wenn man viele Wörter zu Papier bringen will, die Tastatur eines Laptops oder PCs zu benutzen. Die Finger fliegen automatisch über die Tasten, man muss gar nicht darüber nachdenken. Und dann ist es natürlich auch ein großer Vorteil, dass alles sofort abgespeichert wird und sehr einfach zu bearbeiten ist.
Ich habe noch Leitz-Ordner im Regal stehen von meinen Anfängen im Schreiben. Papier, Papier, Papier. Jede Seite übersät mit Korrekturen, Anmerkungen am Rand, durchgestrichenen Wörtern und Sätzen. Oftmals so vollgeschrieben, dass man den Text gar nicht mehr richtig lesen konnte. Dafür musste man ihn quasi noch einmal abschreiben.
Deshalb war der Computer dann schon eine große Verbesserung. Für mich hat Kreativität nichts damit zu tun, mit welchem Werkzeug ich meine Gedanken zu Papier bringe. Ob ich einen Stift in meinen Fingern halte oder im Zehnfingersystem schreibe oder auch – wie jetzt beispielsweise gerade diesen Blogartikel hier – diktiere.
In den letzten Jahren diktiere ich immer mehr, früher habe ich das nicht so getan. Auch das ist eine Gewohnheit, die sich mit der Zeit entwickelt hat. Gerade wenn ich eine Schreibblockade hatte und nicht genau wusste, wie es in der Geschichte weitergehen sollte, habe ich dann diktiert, um meine Gedanken wieder in Schwung zu bringen. Merkwürdigerweise hat das geklappt, auch wenn ich vorher vor dem weißen Blatt auf dem Bildschirm gesessen hatte und mir nichts eingefallen war.
Das spricht dafür, dass verschiedene Methoden tatsächlich verschiedene Auswirkungen haben. Wenn also jemand das Gefühl hat, mit der Hand zu schreiben ist kreativer, könnte es auch daran liegen, dass man einfach die Methode wechselt.
Das ist ein wenig wie die Perspektive zu wechseln, wenn man sich in einem Gedankengang festgefahren hat, sich nur noch im Kreis dreht.
Nimm einfach die Perspektive einer anderen Figur ein, und du wirst merken, dass sich alles drumherum verändert. Das funktioniert nicht nur beim Schreiben, sondern auch im täglichen Leben, wenn man einmal die Position eines anderen Menschen einnimmt statt immer nur auf der eigenen zu beharren.
So könnten Kriege vermieden werden, aber das ist ein anderes Thema.
Die Diskussion um das Schreiben mit der Hand wurde dann auch sehr geschäftstüchtig ausgenutzt, indem Firmen Journale auf den Markt brachten, die mit einem bestimmten Flair umgeben wurden. Moleskin beispielsweise oder später die Bullet Journals. Banale Dinge, die man schon in der Schule gelernt hatte, wie sich Stichpunkte zu machen, wurden plötzlich zu einer Art Geheimwissenschaft erklärt, für die man auch ein ganz bestimmtes Buch in einem ganz bestimmten Format braucht.
Wären die ganzen Punkte auf einem anderen Papier und in einem anderen Format einfach verschwunden? Wohl kaum. Aber wenn ein Produkt ein bestimmtes Image hat, sind die Preise höher als bei einem einfachen Produkt, mit dem man dasselbe auch erreichen könnte.
Es gibt verschiedene Methoden, dasselbe Ergebnis zu erreichen, und wie viel Geld man dafür ausgeben will, kann man selbst entscheiden und der eigene Geldbeutel.
Ob eine Methode besser ist als die andere, muss man ebenso selbst entscheiden. Es gibt Leute, die schwören darauf, mit der Hand zu schreiben, weil ein Stift in einer Hand fast wie eine direkte Verlängerung des eigenen Fingers ist. Vom Gehirn über die Nervenbahnen direkt aufs Papier sozusagen.
Weil ich schon seit so vielen Jahrzehnten in eine Computertastatur tippe, empfinde ich es aber genauso. Und wenn ich meine Gedanken fließen lasse, einfach vor mich hinspreche, das von einem Gerät aufgenommen und in eine Textdatei verwandelt wird, ist das ebenso eine probate Methode.
Mit der Hand zu schreiben ist – zumindest heutzutage – weniger funktional. Es hat etwas Altertümliches, Nostalgisches, Langsames, das uns der Alltag mittlerweile oft verweigert. Entschleunigung ist es allemal, und das kann dazu führen, dass die Gedanken sich beruhigen, sich besser zu der Welt formen, die wir uns für das, was wir niederschreiben wollen, vorstellen.
Wenn das so ist, sollten wir es auf jeden Fall nutzen. Denn Kreativität ist ein Geschenk, das nicht an der Methode hängt, das man aber auch nicht durch eine bestimmte Methode hervorrufen kann. Ich kann nicht mit der Hand schreiben und bin dann plötzlich kreativ, wenn ich es sonst nicht bin. Ebenso kann man auf einer Computertastatur sehr kreativ sein, auch wenn eine Maschine zwischen dem, was ich denke, und dem, was ich aufschreibe, steht.
Eine Maschine ist nur ein anderes Werkzeug, sie ist kein Stift und man braucht kein Papier, aber das Ergebnis – ein Roman in meinem Fall – wird davon nicht betroffen. Der Text ist nur einfacher zu bearbeiten und in eine lesbare, saubere Form zu bringen.
Im Grunde genommen ist es wie mit dem Buchdruck. Bevor der Buchdruck erfunden wurde, mussten alle Texte immer wieder mit der Hand abgeschrieben werden, wenn man sie vervielfältigen oder kopieren wollte. Als dann der Buchdruck kam, konnte man das sehr viel einfacher und schneller erledigen, mit Druckerschwärze auf Papier und ohne die Fehler, die oft beim Abschreiben entstanden. Trotzdem stand es den Menschen natürlich weiterhin frei, auch mit der Hand zu schreiben.
Genauso ist es heute. Mit der Hand zu schreiben ist eine Entscheidung, die man fällen kann, aber nicht muss.
Sollten allerdings einmal alle Computer ausfallen, alle Handys, das Internet und sämtliche durch Maschinen zur Verfügung gestellte Hilfsmittel, dann wäre es nützlich, doch noch mit der Hand schreiben zu können.
Das sollte man vielleicht auch einmal bedenken.