So, nun geht es weiter. Es bereitet mir ungeheures Vergnügen, diese Geschichte zu schreiben, und endlich, endlich taucht auch die Frau auf, die Marthas Leben verändern wird. 😎

Um den Inhalt richtig wiederzugeben, müsste ich den Titel dieser Beiträge jetzt umbenennen, denn um Dr. Watson geht es am wenigsten, er ist nur Beiwerk. Eigentlich müsste das Werk Sterling und Hudson heißen, denn das sind die beiden Hauptfiguren. Aber Das Geheimnis von Hampstead Heath geht auch. Es ist ja alles nur ein Spaß. 😊

 

3

 

»Liebste Martha! Wie schön, dass du gekommen bist!« Eleanor kam aus dem Haus, als die Droschke vor ihrer Gartenpforte hielt, und begrüßte ihre Schwester mit sichtlicher Erleichterung.

Zwar fielen sie sich nicht um den Hals – schließlich waren sie Engländerinnen –, aber es war deutlich erkennbar, dass sie sich beide freuten, einander zu sehen.

»Gestatte, dass ich dir meinen Begleiter vorstelle: Dr. Watson«, erledigte Martha zuerst einmal die Höflichkeitsformalitäten. »Meine Schwester, Mrs. Eleanor Hammersmith.«

»Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Mrs. Hammersmith«, begrüßte Watson die Schwester seiner Hauswirtin mit einer wohlerzogenen Verbeugung.

»Ebenfalls erfreut, Dr. Watson«, gab Eleanor lächelnd zurück. »Obwohl ich das Gefühl habe, Sie schon zu kennen, denn Martha hat mir in ihren Briefen viel von Ihnen berichtet.«

»Hat sie das tatsächlich?« Erstaunt blickte Watson Martha an.

»Von Ihnen und Mr. Holmes«, ergänzte Martha schnell. »Es war in der Stadt schließlich immer etwas los. Dagegen war dein Leben hier auf dem Land doch etwas … beschaulicher, Eleanor.«

»Langweiliger, wolltest du wohl sagen«, berichtigte Eleanor ihre Schwester lachend. »Deshalb habe ich Martha stets um die Annehmlichkeiten der Großstadt beneidet. Aus ihren Schilderungen ging hervor, dass es in der Baker Street zuweilen höchst aufregend zugeht. Insbesondere mit Ihnen und Mr. Holmes.«

»Der Ruhm gebührt einzig Holmes«, schränkte Watson bescheiden ein. »Ich war lediglich der Chronist, der seine brillanten Deduktionen bei der Lösung der Fälle für die Nachwelt festhielt.«

»Dennoch mussten Sie oft mitten in der Nacht mit ihm aus dem Haus rasen«, warf Martha ein und sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Nicht selten mit dem Revolver in der Tasche.«

»Sicher. Gelegentlich ließen sich solche rüden Maßnahmen nicht vermeiden. Mein alter Militärrevolver hat mir da gute Dienste geleistet.« Watson zu einer unbescheidenen Aussage zu bewegen, war schier unmöglich.

»Ach, was bin ich für eine schlechte Gastgeberin«, rief Eleanor aus. »Ich lasse euch hier vor der Pforte stehen, dabei wartet im Haus bereits der Tee auf uns. Bitte, kommt doch herein.«

An der Tür empfing sie ein junges Mädchen, das Martha noch nie zuvor gesehen hatte. Fragend schaute sie ihre Schwester an.

»Das ist Daisy«, stellte Eleanor sie beiläufig vor, während Daisy ihnen die Tür aufhielt. »Die Tochter von Mrs. Craig, meiner Zugehfrau. Ihre Mutter hat beschlossen, dass sie für den Haushalt ausgebildet werden soll, nun, da sie die Schule verlassen hat. Und ich finde es sehr belebend, ein junges Wesen im Haus zu haben.«

»Sie wohnt hier?«, fragte Martha erstaunt.

Eleanor schüttelte den Kopf. »Nein, sie lebt weiterhin bei ihren Eltern. Morgens kommt sie her, und ich schicke sie stets nach Hause, bevor die Dämmerung einsetzt. Sie ist noch zu jung, um nach Sonnenuntergang allein den Fährnissen der Dunkelheit ausgesetzt zu sein.«

Normalerweise verließen junge Menschen die Schule mit vierzehn Jahren, und genau so sah Daisy aus. Dennoch konnte man bereits die beginnende junge Frau in ihr erkennen. Es war eben jenes flüchtige Alter zwischen Kindheit und Reife.

»Nimm die Mäntel, Daisy«, wies Eleanor das junge Mädchen an. »Und dann bring das Teetablett aus der Küche ins Wohnzimmer.«

»Sehr wohl, Madam.« Daisy knickste, nahm sowohl Martha als auch Watson die Mäntel ab und begann, sie an die Garderobe zu hängen, was ihr einige Mühe bereitete, da sie noch nicht ausgewachsen war.

Währenddessen begaben sich die drei Erwachsenen in den Raum, in dem bereits ein einladendes Feuer im Kamin brannte.

»Du heizt schon?«, bemerkte Martha.

In England herrschte ein gewisser Wettbewerb, wer es am längsten im Haus aushielt, ohne zu heizen. Niemand wusste wohl mehr so genau, wie das entstanden war, aber mittlerweile hatte es sich so eingebürgert, dass zu früh mit dem Heizen anzufangen als unverantwortliche Verschwendung galt, wenn man sich auch einfach nur einen Schal umlegen konnte.

Ein Vorwurf, der eine sparsame Hausfrau wie Eleanor verlegen werden ließ. »Es wird doch schon recht kühl abends«, entschuldigte sie sich. »Aber vielleicht werde ich auch nur alt.« Leicht kokett blinzelte sie Dr. Watson an. So etwas verlernte eine Frau nie.

Sogleich reagierte Watson, wie es von ihm erwartet wurde. »Aber Mrs. Hammersmith … Sie und alt …« Gentleman alter Schule, der er war, verbeugte er sich galant lächelnd.

Martha beobachtete das ein wenig amüsiert. Ihre kleine Schwester war schon früher koketter gewesen als sie selbst, und Dr. Watson war immer noch ein stattlicher Mann. Auch als Witwe wirkte das auf Eleanor genauso wie in jungen Jahren, wie es schien.

»Nettes junges Ding, das du da jetzt hast«, entschloss Martha sich, das Thema zu wechseln. »In dem Alter waren sie auch meistens, wenn sie zu mir kamen.«

»Ja, sie ist recht anstellig«, bestätigte Eleanor nickend. »Mrs. Craig hat ihr zu Hause natürlich schon einiges beigebracht. In ihrem Haus gibt es keine unnützen Hände, bei keinem ihrer Kinder.«

»Das kann ich mir lebhaft vorstellen.« Etwas steif ließ Martha sich auf dem bequemen Sofa am Kamin nieder. Eine Erholung nach der harten Kutsche. »Hier hat ja auch immer alles geblitzt und geblinkt, wenn Mrs. Craig da war.«

»Könnte das Mädchen nicht auch nachts bei Ihnen bleiben?«, fragte Watson, der noch am Kamin stehenblieb und sich die Hände wärmte. »Ich meine, in Anbetracht der …«, er räusperte sich, »Vorfälle.«

Der erfreute Ausdruck in Eleanors Gesicht wich augenblicklich einer tieferen Sorge. »Sie ist noch ein Kind«, versetzte sie ernst. »Ich möchte ihre junge Seele nicht mit solchen Schrecken belasten.«

»So schlimm steht es also?« Alarmiert wanderten Watsons Augenbrauen in die Höhe.

»Nun ja …« Eleanor legte ihre Hände in den Schoß, ein Zeichen unterdrückter Unruhe. »Wie ich Martha bereits schrieb, ereignen sich diese … Dinge nicht jede Nacht.«

Die Tür öffnete sich, und Daisy trat mit einem silbernen Tablett ein, auf dem feines Porzellan und eine dampfende Teekanne thronten.

»Setz es hier ab, Kind.« Mit einer behänden Bewegung schob Eleanor ein Buch beiseite, das auf dem Beistelltisch neben ihrem Sessel ruhte. »Und dann hol die Sandwiches und den Kuchen.«

»Ja, Madam.« Mit klappernden Tassen platzierte Daisy das Tablett auf dem Tisch und verschwand sogleich wieder aus dem Zimmer.

Geübt begann Eleanor den Tee auszuschenken. »Bevorzugen Sie Milch oder Zitrone, Dr. Watson?«, erkundigte sie sich bei ihrem Gast.

»Milch, bitte.« Lächelnd kam Watson heran. »Und zwei Stück Zucker.«

Nachdem sie seinen Wünschen entsprochen hatte, reichte sie ihm die Tasse. Er verbeugte sich leicht und nahm neben Mrs. Hudson auf dem Sofa Platz.

Da Eleanor selbstverständlich wusste, wie ihre Schwester ihren Tee mochte, bereitete sie auch den zu und zum Schluss die Tasse für sich selbst.

Zwischenzeitlich hatte Daisy unauffällig die Teller mit den Sandwiches und dem Kuchen hereingebracht, und Watson nahm sich ein Stück Schokoladenkuchen, während Martha nach einem Gurkensandwich griff.

»Ich habe den Doktor gebeten, mich zu begleiten«, begann Martha, wobei ihr Blick ernst zwischen Watson und ihrer Schwester hin- und herwanderte, »da er über einen ungleich größeren Erfahrungsschatz in derlei mysteriösen Angelegenheiten verfügt.«

»In Bezug auf Geister?« Belustigt lachte Watson auf. Schokoladenkuchen hob seine Laune augenblicklich um etliche Stufen.

Das wusste Martha aus eigener Erfahrung. Weshalb es den in der Baker Street auch des Öfteren gab. Sie freute sich, wenn wenigstens einer ihrer beiden Mieter ihre Back- und Kochkünste schätzte.

»In Bezug auf Rätsel jeder Art«, korrigierte sie ihn freundlich. »Wie viele dunkle Machenschaften haben Mr. Holmes und Sie nicht schon ans Licht gebracht? Es ist kaum noch zu zählen.«

»Wohl wahr«, erwiderte Watson, hielt jedoch kurz inne, um sich einen weiteren Bissen des auch bei Marthas Schwester vorzüglichen Backwerks zu gönnen. Es unterstützte ihn beim Denken, bildete er sich ein. »Doch muss ich gestehen, in all den Jahren begegneten uns nie leibhaftige Geister. Selbst wenn es anfangs den Anschein hatte, so entpuppten sich die Spukgestalten am Ende stets als Geschöpfe aus Fleisch und Blut.«

»Genau das ist meine Rede.« Ernst blickte Martha ihre Schwester an.

Eleanor holte tief Atem, als müsse sie erst den Mut finden, auszusprechen, was sie bedrückte. »Doch wenn es sich um einen Menschen handelt, Martha … begreifst du denn nicht, was das bedeutet?«

»Gewiss doch.« Martha erhob sich, trat zu ihrer Schwester und nahm deren zitternde Hand in die ihre. »Ich begreife es nur zu gut. Wenn es ein Mensch ist, so bedeutet dies, dass ein Fremder des Nachts in dein Heim eindringt, während du schutzlos schläfst.«

Als ihre Schwester es so genau in Worte fasste, zuckte Eleanor zusammen und blickte verzagt zu Boden. »Seit ein paar Tagen schließe ich meine Schlafzimmertür ab. Das habe ich früher nie getan.«

»Wir werden der Ursache auf den Grund gehen, Mrs. Hammersmith, darauf haben Sie mein Wort«, versicherte Watson mit jener Zuversicht, die er sich auf den Schlachtfeldern und in den Gassen Londons angeeignet hatte. »Es gibt für jedes Phänomen eine natürliche Erklärung. Broschen und Bildnisse pflegen nicht aus eigenem Antrieb durch die Lüfte zu segeln, um sich sodann auf Küchentischen niederzulassen.«

»Es ist ein unsagbarer Trost, wieder einen Gentleman im Hause zu wissen«, entgegnete Eleanor mit einem dankbaren Blick.

Während sie sprachen, bemerkte Martha aus dem Augenwinkel eine Bewegung draußen auf der Straße, die an den Häusern vorbeiführte. Ihre Augen weiteten sich vor Staunen. »Um Himmels willen, was ist das denn?«

»Was gibt es zu sehen?« Sowohl Eleanor als auch Watson wandten sich rasch dem Fenster zu.

»Dort draußen ist soeben jemand … nun ja … vorbeigefahren. Eine höchst sonderbare Gestalt auf einem Fahrrad«, stammelte Martha. Der Anblick hatte sie so verblüfft, dass sie immer noch zum Fenster hinausstarrte, obwohl er nun entschwunden war.

Süffisant kräuselte Eleanor die Lippen. »Das ist Miss Sterling, meine neue Nachbarin. Sie ist erst vor kurzem eingezogen und pflegt ihre Besorgungen im Dorf mit jenem Gefährt zu erledigen. Dabei trägt sie diese … Pluderhosen. Ein anständiges Kleid sei für das Radfahren gänzlich ungeeignet, behauptet sie steif und fest.«

»Miss Sterling?«, hakte Martha nach. »Eine junge Dame? Ganz allein und ohne Begleitung?«

»Keineswegs.« Etwas konsterniert schüttelte Eleanor den Kopf. »Sie steht bereits in unseren Jahren. Doch man sagt, sie sei ein Freigeist.« Sie seufzte. »Ein Schlag Menschen, von dem es hier in Hampstead leider nur zu viele gibt.« Es war offensichtlich, dass ihr diese Nachbarschaft wenig geheuer war. »Vermutlich eine pensionierte Lehrerin oder Bibliothekarin, die nie den Stand der Ehe einging. Wir hatten bisher kaum Gelegenheit, mehr als ein paar flüchtige Worte zu wechseln.«

Zwar hatte Martha gewusst, dass Hampstead Heath bekannt dafür war, das zu beherbergen, was man so allgemein – mit einem meist etwas abfälligen Ton in der Stimme – Sonderlinge nannte, aber wenn sie sich überhaupt je Gedanken darüber gemacht hatte, hatte sie sich darunter stets Männer vorgestellt. Ein anderes Wort für Sonderling wäre Exzentriker gewesen, und davon hatte sie einen seit langer Zeit im Haus.

Der war zwar auch nicht mehr der Jüngste, aber auch das wurde bei Männern anders betrachtet als bei Frauen. Vor allem in höherem Alter. Ein junge Frau mochte ja noch eine Rebellin sein, aber wenn sie unter die Haube kam, legte sich das.

So wie es sich auch bei Martha gelegt hatte. Die Baumexkursionen ihrer Jugend waren Vergangenheit. Nie wäre sie auf den Gedanken gekommen, sie noch einmal aufzunehmen.

Und Fahrradfahren in ihrem Alter … das gehörte ganz gewiss auch dazu. So etwas tat eine ältere Frau einfach nicht.

Doch Miss Sterling tat es.

Offensichtlich.