Ich habe mir überlegt, dass ich jeden Sonntag eine neue Folge veröffentliche, wenn ich es schaffe. Hier also geht es nun mit dem nächsten Kapitel weiter.

Ein ganz besonderes Frühstück.

 

6

 

Eine Stunde, hatte Mrs. Hammersmith gesagt, aber ich stand schon mindestens zwanzig Minuten davor am Fenster. Ich wollte pünktlich sein, weder zu früh noch zu spät, was in England üblicherweise beides als unhöflich erachtet wurde.

Nervös strich ich mir über das Kleid. Bei mir zu Hause trug ich eigentlich immer nur die Bloomers, vor allem, wenn ich mit dem Fahrrad fuhr, um etwas zu besorgen, oder im Garten arbeitete, aber ich wollte nicht, dass die ohnehin schon ungewöhnliche Einladung zum Frühstück sich dann nur um mich drehte und wie ich gekleidet war.

Mich interessierte nämlich tatsächlich das Rätsel, das sich dort drüben aufgetan hatte. Oder vielleicht sogar eher zwei Rätsel. Eins davon hieß Mrs. Hudson. Und ich fragte mich, ob es wohl einfacher zu lösen war als das mit der Pfeife?

Diese Frau hatte auf einmal Gefühle in mir ausgelöst, die ich in meinem Alter nicht mehr erwartet hätte. Ich war doch kein Backfisch mehr. Genauso wenig, wie sie einer war.

Das wäre ja vielleicht noch zu verstehen gewesen. Ich schaute schon gern einmal einer hübschen jungen Frau auf der Straße nach. Unauffällig natürlich. Älteren eher weniger. In der Beziehung war ich wohl nicht anders als viele Männer, und das stritt ich auch gar nicht ab.

Je älter man wurde, desto mehr hatte die Jugend einen ganz eigenen Reiz, der nicht mehr individuell war, sondern einfach in der Jugend an sich bestand.

Trauerte ich dieser Zeit nach? Nein, das hätte ich nicht sagen können. In meiner Jugend hatte ich so vielen Einschränkungen unterlegen, nach denen ich mich gewiss nicht zurücksehnte. Die Reife und Unabhängigkeit des Alters hatte heute auf jeden Fall den größeren Reiz für mich.

Jedoch hatte ich mich schon seit längerem auch auf die Einsamkeit eingerichtet, die damit einherging. Es war nicht einfach, eine Frau zu finden, die das mit mir teilen wollte, was ich mein Leben nannte. Obwohl ich auf meinen Reisen viele Frauen kennengelernt hatte, die ebenfalls allein waren.

Einige davon hatte ich sogar näher kennengelernt. Auf eine Art, die andere noch nicht einmal vermuteten. Aber das hatte nicht für ein gemeinsames Leben gereicht.

Auch wenn Schriftstellerinnen wie Virginia Woolf und Gertrude Stein das geschafft hatten, ich hatte bisher angenommen, dass ich anscheinend nicht für diese Art der Zweisamkeit geschaffen war.

Die Frauen, die ich getroffen hatte, waren allerdings ganz anders gewesen als Mrs. Hudson. Ich musste unbedingt ihren Vornamen herausfinden. Dass Mrs. Hammersmith Eleanor hieß, hatte ich nun zwar schon mitbekommen, aber das interessierte mich nicht. Leider hatte Eleanor Hammersmith ihre Schwester aber nie mit ihrem Vornamen angesprochen.

Endlich! Der Zeiger meiner Uhr sprang auf die zweitletzte Minute vor der von Mrs. Hammersmith angegebenen Zeit. Länger würde ich hinüber nicht brauchen. Fast fiel ich über meine Röcke, als ich zur Tür ging. Ich war das nicht mehr gewöhnt.

Doch jahrelange Übung im Raffen dieser Röcke, um einigermaßen flott laufen zu können, verlor sich auch nicht so leicht. Also tat ich es und ging durch den Garten hinüber.

Aber nein, das ging ja nicht. Bei einer offiziellen Einladung musste ich den Haupteingang benutzen. Nun wurde es doch knapp, und ich musste fast laufen, um vor dem letzten Schlag der Uhr, deren Klang aus Mrs. Hammersmiths Haus zu mir herausschallte, den Klingelzug ziehen zu können.

Es dauerte nicht lange, und Daisy, das junge Dienstmädchen, öffnete mir. Sie schaute mich an, als wüsste sie überhaupt nicht, wer ich war.

»Sterling«, sagte ich. »Ich komme zum Frühstück.«

Endlich schien sie mich zu erkennen. »Bitte, kommen Sie herein, Miss Sterling«, sagte sie und trat zurück.

Zügig ging ich an ihr vorbei und blieb stehen, bis sie die Tür hinter mir geschlossen hatte. Etwas unentschlossen stand sie da, und mir fiel ein, worauf sie wartete.

»Ich habe keinen Mantel«, sagte ich. »Ich bin nur vom Nachbarhaus herübergekommen.«

Das verwirrte sie zutiefst, aber daran konnte ich nichts ändern.

»Wo wird das Frühstück serviert?«, fragte ich deshalb freundlich, um sie in die gewünschte Richtung zu lenken.

»Ja. Hier. Kommen Sie, bitte.« Errötend wies sie mit einem Arm an mir vorbei, huschte los und stolperte dabei fast. Sie war wirklich noch sehr jung. Vermutlich war sie noch nicht lange im Dienst.

Ein Stück weiter öffnete sie eine Tür und verkündete: »Miss Sterling.« Dann trat sie zur Seite, um mich eintreten zu lassen.

Das Esszimmer von Mrs. Hammersmith war genau so, wie ich es erwartet hatte: tadellos, ordentlich, mit einem glänzenden Silbertablett auf dem Sideboard und Vorhängen, die genau die richtige Farbe, das richtige Muster und die richtige Beschaffenheit aufwiesen, die dazu passte, und so aussahen, als wäre ihnen noch nie ein Staubkörnchen zu nahe gekommen.

Der Tisch war zwar gedeckt, aber das Zimmer war bis auf eine einzige Person leer.

»Miss Sterling.« Dr. Watson, der am Kamin stand, verbeugte sich, und ich bildete es mir glaube ich nicht ein, dass sein Blick etwas erleichtert mein Kleid streifte.

»Dr. Watson.« Ich nickte ihm zu. »Sind wir die ersten?«

»Scheint so.« Er nahm einen Zug von seiner Pfeife. Ein kleines Wölkchen schwebte schon über seinem Kopf. »Sie sind«, er räusperte sich, »erst kürzlich zugezogen, hörte ich?«

»Das ist wahr.« Ich ging zu ihm hinüber, weil ich nicht allein an der Tür herumstehen wollte. Hoffentlich kamen die anderen bald. Insbesondere die eine Person, auf die ich wartete. »Ich war lange von England abwesend.«

Seine Augenbrauen hoben sich. Anscheinend wusste er nicht sofort, was er darauf erwidern sollte. Vermutlich wunderte er sich, wie ich das als Frau allein hatte tun können, denn eine Miss Sterling war wohl nie verheiratet gewesen und hatte deshalb nicht unter dem Schutz eines Mannes gestanden.

»In Afghanistan wie Sie war ich allerdings nicht«, setzte ich die Unterhaltung deshalb allein fort. »Aber Kairo, Konstantinopel, Bombay und Damaskus habe ich gesehen. Und noch einiges andere. Darüber habe ich Reiseberichte geschrieben.«

»Sie schreiben?« Das überraschte ihn zwar offensichtlich, aber er schien auch aufrichtig interessiert. Das war angenehm. Die meisten Männer taten Frauen, die schrieben, sofort abfällig ab. »Da haben wir ja eine Gemeinsamkeit.« Er lächelte. »Ich habe selbst das eine oder andere zu Papier gebracht. Die Abenteuer meines Freundes Holmes.«

»Ich weiß«, nickte ich. »Das habe ich gelesen. Sehr spannend. Schreiben Sie gerade wieder an etwas?«

Doch bevor er antworten konnte, öffnete sich die Tür, und Mrs. Hudson trat ein.

Das letzte Mal hatte ich sie im Morgenmantel gesehen, nun trug sie ein Kleid. Ihr Haar war sorgfältig gesteckt, und ihre Augen leuchteten in diesem unwahrscheinlichen Blau, das ich heute Morgen schon an ihnen bemerkt hatte.

Für einen Augenblick hielt ich unwillkürlich den Atem an, was mir sofort peinlich war. Schließlich hatte ich auf der ganzen Welt Frauen kennengelernt. Ich war nicht die Art Frau, die gerade in Hampstead Heath wegen einer Frau den Atem anhielt.

Und dennoch.

»Miss Sterling.« Mrs. Hudsons Stimme war etwas förmlicher als heute Morgen. Das Morgenmantel-Gespräch in der Küche hatte also eine Grenze gehabt. Ich registrierte es ohne Überraschung, aber mit einem leisen Bedauern. Auch wenn das zu erwarten gewesen war.

»Mrs. Hudson.«

»Setzen wir uns doch.« Eleanor Hammersmith war hinter ihrer Schwester ebenfalls in den Raum getreten und begab sich zum Tisch auf ihren eigenen Platz am Kopfende.

Mrs. Hudson setzte sich an Mrs. Hammersmiths rechte Seite, vermutlich ebenfalls der Platz, den sie immer einnahm, wenn sie hier war, und Dr. Watson wartete höflich darauf, dass ich mir einen Platz aussuchen würde, damit er mir den Stuhl zurechtrücken und danach auch sich selbst setzen konnte.

Ich hätte mich gern neben Mrs. Hudson gesetzt, aber ich wusste nicht, ob das angemessen war.

Eleanor Hammersmith wies auf den Platz neben sich und sagte: »Bitte, Dr. Watson.«

Damit hatte sie mich ans äußerste Ende des Tisches verbannt, und das war wohl auch ihre Absicht. Aber immer noch hatte ich mich nicht entschieden, da wies Mrs. Hudson auf den Stuhl neben sich. »Wollen Sie sich nicht hierher setzen, Miss Sterling?«

Selbstverständlich wollte ich das. Und wie gern.

Dr. Watson trat hinter den Stuhl neben dem von Mrs. Hudson, zog ihn zurück und schob ihn dann wieder vor, als ich mich setzte, ging um den Tisch herum und ließ sich neben Eleanor Hammersmith nieder.

Die bat um die Tassen und verteilte den Tee. Dann wies sie auf das Sideboard. »Bitte, bedienen Sie sich. Leider war ich nicht auf so viel Besuch zum Frühstück eingerichtet«, ihr Blick streifte mich missbilligend, »aber es wird wohl für alle reichen.«

»Eleanor.« Mrs. Hudson sprach den Namen ihrer Schwester etwas vorwurfsvoll aus.

»Martha?« Fragend hob Mrs. Hammersmith die Augenbrauen.

Und ich wusste endlich, wie Mrs. Hudson mit Vornamen hieß.

»Ich schlage vor«, begann Dr. Watson, nachdem wir uns alle am Buffet bedient hatten und wieder am Tisch saßen, »dass wir uns der Sache systematisch nähern.« Er legte die Pfeife, die mittlerweile ausgegangen war, auf den Tisch neben seinen Teller. »Die Pfeife auf dem Küchentisch. Verschlossene Türen und Fenster.« Er runzelte die Stirn. »Gestern Abend vor dem Schlafengehen habe ich das Haus selbst überprüft, und da war alles geschlossen.«

»So war es immer«, bestätigte Eleanor mit kaum verhohlener Erschöpfung.

»Dann ist die Frage nicht, ob jemand hineingelangt ist, sondern wie.« Er sah in die Runde. Sein Blick streifte mich, und ich hatte das Gefühl, er taxierte mich, als ob er etwas von mir erwartete. »Kennen Sie das Haus gut, Miss Sterling? Sie sind ja die Nachbarin.«

»Bisher hatte ich es lediglich von außen gesehen«, sagte ich. »Wenn ich das richtig erkannt habe, hat es im Gegensatz zu meinem eigenen Cottage einen Keller.«

Mrs. Hammersmith stellte ihre Teetasse so abrupt ab, dass sie leicht klirrte. »Der Keller?«

Ich sah sie an. »Das kleine Fenster auf der Nordseite, knapp über dem Boden. Hinter dem Rosenbusch. Das ist doch einer, oder?«

Langsam nickte Mrs. Hammersmith. »Ja. Dort habe ich einige Sachen untergestellt, die ich hier oben nicht mehr unterbringen konnte. Unser altes Haus war ja viel größer.«

»Haben Sie das heute Nacht auch überprüft, Dr. Watson?«, fragte Mrs. Hudson mit einem Blick auf ihr Gegenüber.

»Ähm … nein.« Dr. Watson räusperte sich. »Ehrlich gesagt wusste ich nicht, dass es einen Keller gibt.«

»Der war aber immer abgeschlossen«, wandte Mrs. Hammersmith ein. »Deshalb habe ich das auch nie überprüft. Seit die Sachen dort abgestellt worden sind, war niemand mehr dort unten.«

Dr. Watson erhob sich bereits halb. »Dann wäre das wohl unser erster Weg nach dem Frühstück.«

»Ja«, stimmte Mrs. Hudson zu.

Sie sah mich dabei nicht an, aber ich hatte das seltsame Gefühl, dass ihre Antwort trotzdem irgendwie auch mir galt.

Ich trank meinen Tee und beschloss, erst einmal gar nichts zu denken.