Ich habe einige Zeit überlegt, wie ich die erste Begegnung der beiden Hauptpersonen, die in meinem Romanen immer zentral ist und oft sogar gleich am Anfang geschieht, gestalten soll. Unter Berücksichtigung der Etikette, die in der damaligen Zeit herrschte, war es nicht möglich, das Ganze so ablaufen zu lassen, wie es in einem modernen Setting üblicherweise abläuft. Vieles davon wäre damals höchst unangemessen gewesen, geradezu verboten.

Wenn ich mich allerdings ganz und gar an die damalige Etikette gehalten hätte, hätte es noch hundert Seiten dauern können, bis Mrs. Hudson und Miss Sterling, oder Martha und Adelaide, sich hätten näherkommen können. Wer Originalromane kennt, die in dieser Zeit geschrieben wurden, wird das vielleicht nachvollziehen können.

Also Schreibkurs nächstes Level: Historische Romane sind anders. Es ärgert mich immer ungeheuer, wenn ich moderne Ausdrücke in historischen Romanen lese. Nun, da ich versuche, so etwas zu schreiben, merke ich, wie schwierig das ist. Man verwendet einfach automatisch eine modernere Sprache, nicht ganz so umständlich, und auch wenn es keine modernen Geräte wie Handys oder so etwas gibt, gibt es nun einmal Bezeichnungen, die heutzutage nicht so geläufig sind und die man den Leserinnen auch nicht unbedingt zumuten möchte.

Man muss eine Art Kompromiss eingehen, darum kommt man nicht herum.

In den Original-Holmes-Romanen erzählt Watson immer aus der Ich-Perspektive, was hier logischerweise nicht möglich war, obwohl ich damals so angefangen hatte, doch da mir das irgendwie angemessen vorkam, habe ich nun Adelaide die Ich-Perspektive gegeben. 

Hier also der nächste Teil der Geschichte:

 

4

 

Ein leichter Reif lag noch auf den Farnen des Heaths, und die Sonne mühte sich redlich, den Dunst zu vertreiben, der wie zerfaserte Seide zwischen den alten Eichen hing, als ich am frühen Morgen in meinen Garten trat, dessen verwildertes Aussehen meine Nachbarn sicherlich mehr störte als mich.

Bald würde es einer dieser typischen kristallklaren Tage in Hampstead sein, an die ich mich tatsächlich hätte gewöhnen können. Nachdem ich von meinen Reisen nach England zurückgekehrt war, hatte ich noch so meine Zweifel gehabt, ob ich wieder dauerhaft hier leben könnte, doch die Luft schmeckte tatsächlich verführerisch. Frisch und kalt und einfach typisch englisch.

Lange Zeit hätte ich nicht gedacht, dass ich das tatsächlich vermissen könnte. Die Konventionen hatten mich immer so eingeengt, dass ich schon vor langer Zeit vor ihnen geflohen war. Aber man kann seine eigene Haut, die Haut, in die man hineingeboren ist, eben nicht abstreifen. Und irgendwann passt sie vielleicht besser als früher.

Mittlerweile hatte ich die halbe Welt gesehen, die üblichen Plätze wie Ägypten und Indien, aber auch weniger übliche, an denen es nicht genügend Dienstboten gab, um verwöhnte britische Reisende, die das Empire mit ihren Vorstellungen von oben und unten überschwemmten, anzuziehen.

Ich hatte viel gesehen, viel erlebt, viel beschrieben und doch das Gefühl gehabt, dass ich immer noch eine Suchende war, die nicht das gefunden hatte, was ihr fehlte.

Vielleicht wusste ich gar nicht so genau, was mir fehlte. Zu Anfang hatte ich angenommen, es wäre die Möglichkeit, mich frei bewegen zu können, keine Korsetts tragen zu müssen, weder aus Fischbein noch aus gesellschaftlichen Regeln. Deshalb war ich fortgegangen.

Doch unterdessen trug ich die schon lange nicht mehr und hatte erfahren, dass Freiheiten auch so selbstverständlich werden konnten, dass man sie gar nicht mehr bemerkte.

War ich deshalb nach England zurückgekehrt? Um die Einschränkungen wieder zu erleben und deshalb den Wert der Freiheiten mehr schätzen zu können?

Über meine eigenen Fragen den Kopf schüttelnd, weil sie mir auf einmal absurd erschienen, ließ ich meinen Blick über den Garten schweifen. Seine Wildheit gefiel mir. Offenbar war das Cottage eine Weile unbewohnt gewesen und niemand hatte sich um den Garten gekümmert. Sonst wäre ihm ein solcher Zustand nie erlaubt worden.

Ein englischer Garten hatte ganz bestimmten Regeln zu folgen, genauso wie die Menschen. Es gab Dinge, die erlaubt waren, und andere, die nicht erlaubt waren. Nicht immer erschloss es sich, warum.

Dieser Garten würde, solange ich die Aufsicht darüber hatte, vermutlich nie allen erlaubten Regeln entsprechen, genauso wenig wie ich.

Gewisse Dinge ergaben sich von selbst, weil sie beispielsweise praktisch waren, andere Dinge tat man, weil sie das Auge erfreuten, eine gewisse Stimmung erzeugten.

Als Schriftstellerin war ich durchaus abhängig von Stimmungen, das wollte ich gar nicht leugnen. Der Kopf war wichtig beim Schreiben, aber es gab Dinge, die darüber hinausgingen, jedoch genauso unverzichtbar waren.

 In meiner Jugend hatte ich schreiben können, wo immer ich war, im heillosesten Chaos, auf einem Schiff, in einem Zug, in einer Kutsche, die schaukelte und krachte, weil die Straßen aus mehr Schlaglöchern bestanden als ebenem Boden. Nichts hatte mich gestört.

Doch seit einiger Zeit brauchte ich zum Schreiben mehr Ruhe, wollte mich zurückziehen, um nachdenken zu können. Hatte mir tief innerlich manchmal eine Art Refugium gewünscht, das die Unbilden der Welt vor die Tür verbannte.

Und nun wünschte ich mir einen Tee. Das Erste am Morgen, das Letzte am Abend. Eine alte englische Gewohnheit, die ich nie hatte ablegen können.

Während ich mich zur Haustür umdrehte, um hineinzugehen und den Kessel aufzusetzen, hörte ich hinter mir eine Art Klicken, das mich dazu veranlasste, meine Absicht noch einmal zu unterbrechen, um die Ursache dieses Klickens zu erforschen.

Das nächste Cottage war nicht allzuweit entfernt, und doch weit genug, dass man sich in seinem eigenen allein wähnen konnte, wenn man das wollte.

Bisher hatte ich mit der Nachbarin, die es bewohnte, nur ein paar flüchtige Worte gewechselt. Wir waren uns noch nicht vorgestellt worden, und so verbot sich für sie eine längere Unterhaltung wohl von selbst.

Im Dorf hatte ich allerdings erfahren, dass Eleanor Hammersmith erst kürzlich Witwe geworden war. Zuvor hatte sie mit ihrem Mann zusammen ein größeres, repräsentableres Haus bewohnt. Das Cottage war ihr Witwensitz.

Sie trug Schwarz, das hatte ich gesehen, aber das war für ältere Frauen nichts Ungewöhnliches, auch wenn sie keine Witwen waren.

Im Grunde genommen war es mir ganz recht, wenn ich noch eine Weile meine Ruhe genießen konnte. Ich war nicht auf schnelle Bekanntschaften aus. Das endete dann nur wieder in gesellschaftlichen Verpflichtungen, die mir eigentlich zuwider waren. Davon wollte ich mich so lange wie möglich fernhalten.

Plötzlich durchschnitt ein Schrei die Luft, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Die Stimme einer Frau.

Nach der ersten Schrecksekunde, die mich hatte erstarren lassen, stürzte ich los, aus meinem Garten hinaus und hinein in den unmittelbar anschließenden Nachbarsgarten und dann ins Haus. Die Gartentür ließ sich leicht aufstoßen.

Rasch schaute ich mich um, als ich in der Küche ankam, in die die Tür mich hineingeführt hatte.

Meine Nachbarin stand mit weit aufgerissenen Augen da und starrte auf den Küchentisch.

»Mrs. Hammersmith?« Fragend schaute ich sie an. Ihre Gesichtsfarbe wirkte so blass, als hätte sie einen Geist gesehen.

»D-Da … D-Da …«, stammelte sie, hob mit einer steifen, fast mechanischen Bewegung den Arm und wies mit einem Finger auf die Mitte des Tisches, wo eine Meerschaumpfeife lag.

Meine Augenbrauen wanderten verwundert in die Höhe. Es war eine ganz normale Tabakspfeife. Ich konnte nichts besonders Erschreckendes daran erkennen.

Während wir nun beide auf die Pfeife starrten, hörte ich Geräusche im Haus, Schritte auf der Treppe von oben. Da kam jemand herunter.

Im nächsten Moment traten zuerst eine Frau und dann mit zwei, drei Minuten Verzögerung ein Mann, beide in ihre Morgenmäntel gehüllt, durch die Küchentür, die aus dem Inneren des Hauses hier hereinführte.

»Eleanor, was ist denn?« Mit leichter Besorgnis in der Stimme kam die Frau zu uns herüber und legte Mrs. Hammersmith eine Hand auf die Schulter.

»D-Da … D-Da …«, stammelte Mrs. Hammersmith wieder, immer noch den Arm hinweisend erhoben, als wäre er in dieser Position eingerastet. »D-Das ist Arthurs Pfeife«, brachte sie dann endlich einen ganzen Satz zustande. »Ich wollte sie ihm in den Sarg legen, weil er sie so geliebt hat, aber sie war …«, trocken schluckte sie, »sie war nicht zu finden.«

Jetzt meldete sich auch der Mann zu Wort. »Heute Nacht habe ich nichts gehört«, stellte er völlig perplex fest und blickte dann von einer zur anderen. Zum Schluss blieb sein Blick an mir hängen. Offenbar irritiert.

Diesem Blick schloss sich die Frau im Morgenmantel an, die vor ihm hereingekommen war.

Was für blaue Augen. Sie musste in meinem Alter sein, und da wurden bei vielen Menschen die Augen wässrig, aber ihre waren es nicht. Sie strahlten klar wie der blaue Himmel über Hampstead. Fasziniert hielt ich sie mit meinem eigenen Blick fest, ohne es richtig zu bemerken.

Endlich wandte auch Mrs. Hammersmith ihren Blick vom Tisch ab und den Menschen um sich herum zu. »Oh. Miss Sterling.« Verwirrt betrachtete sie mich, als wäre sie meiner zuvor gar nicht gewahr geworden und konnte sich nicht erklären, wo ich auf einmal hergekommen war.

»Ich hörte einen Schrei, als ich in meinem Garten war«, erklärte ich schnell. »Deshalb bin ich herübergekommen.«

Immer noch schien sie nicht ganz zu verstehen, reagierte nicht.

Dafür reagierte jedoch die andere Frau. »Miss Sterling«, wiederholte sie gedehnt meinen Namen. Der Blick ihrer blauen Augen wirkte auf einmal interessiert. »Sie sind die neue Nachbarin.«

»Ja … ähm … das bin ich wohl.« Wann hatte ich das letzte Mal so herumgestottert? Das war doch sonst überhaupt nicht meine Art. Aber diese Frau brachte mich dazu.

»Entschuldigung«, wandte Mrs. Hammersmith sich nun auch an mich. »Ich benehme mich albern. Darf ich Ihnen meine Schwester vorstellen, Miss Sterling?« Sie wies auf die Frau im Morgenmantel. »Mrs. Hudson. Und das ist Dr. Watson.« Dem Mann nickte sie zu, bevor sie sich wieder an mich wandte. »Sie sind seit gestern bei mir zu Besuch.«

Damit war alles klar, denn ich hatte mich schon gewundert, wieso das Haus auf einmal so bevölkert war. Bisher war Mrs. Hammersmith immer allein gewesen.

Im selben Moment, als wir alle noch etwas unentschlossen dastanden, kam ein junges Mädchen zu der Küchentür herein, die in den Garten führte und durch die ich auch meinen Weg hierher gefunden hatte.

Abrupt blieb sie stehen, als sie den Menschenauflauf in der Küche sah. Ihre Augen öffneten sich weit.

»Ach, Daisy.« Mrs. Hammersmith hatte offensichtlich ihre Fassung wiedergefunden. »Da bist du ja.«

»Ja, ich …« Schüchtern hob das Mädchen den Korb an, der über ihrem Arm hing. »Der Schinken und die Eier …«

»Gewiss, gewiss.« Nun wieder ganz Herrin ihrer selbst trat Mrs. Hammersmith auf sie zu und nahm ihr den Korb ab. »Die Zutaten brauchen wir fürs Frühstück, nun, da ich Besuch habe.«

Dr. Watson räusperte sich. Ich hatte das Gefühl, er kam kaum über den Anblick meiner Bloomers hinweg, denn immer wieder streifte sein Blick darüber, bevor er ihn verlegen abwandte. »Ich werde mich ankleiden gehen. Verzeihen Sie, meine Damen.«

Mit einer höflichen Verneigung wandte er sich ab und verließ die Küche.

»Das stünde mir wohl auch an«, schloss sich Mrs. Hudson ihm an, während sie an sich herunterblickte. »Frühstück im Morgenmantel, das geht wohl kaum.« Sie lächelte auf eine Art, die mir fast den Atem stocken ließ.

Völlig unerwartet wandte sie sich plötzlich an mich. »Wollen Sie nicht mit uns frühstücken, Miss Sterling? Oder haben Sie selbst Besuch?«

  Ich sah, wie Mrs. Hammersmith ihre Schwester völlig perplex anstarrte.

»Verzeih, Eleanor«, entschuldigte Mrs. Hudson sich sofort, »dass ich eine Einladung in dein Haus ausgesprochen habe, ohne dich zu fragen.«

Aber die Einladung stand im Raum, und wenn Mrs. Hammersmith nicht einen gesellschaftlichen Fauxpas begehen wollte, musste sie sie aufrechterhalten. Alles andere wäre ein Skandal gewesen.

»Selbstverständlich sind Sie herzlich eingeladen, Miss Sterling«, schloss sie sich deshalb etwas steif der Einladung ihrer Schwester an.

Vermutlich hoffte sie, dass ich ablehnen würde, aber Mrs. Hudsons blaue Augen ruhten dermaßen fesselnd auf mir, dass mir das nur unter Aufbringung all meiner Beherrschung möglich gewesen wäre.

Und auf eine solche Kraftanstrengung hatte ich ganz spontan keine Lust.

Was war die Freiheit einer Frau wert, wenn sie eine solche Einladung wegen gesellschaftlicher Konventionen nicht annehmen konnte? Hatte ich die nicht hinter mir gelassen?

»Vielen Dank, Mrs. Hammersmith«, nahm ich die Einladung deshalb an und neigte verbindlich lächelnd meinen Kopf. »Und auch Ihnen, Mrs. Hudson.« Mein Blick sollte nur höflich sein, aber dafür verharrte er zu lange auf der Frau im Morgenmantel. »Ich komme gern.«

»In einer Stunde«, sagte Mrs. Hammersmith. »Dann werden alle Vorbereitungen abgeschlossen sein.«

Dass sie nicht ganz glücklich damit war, nun noch einen weiteren Gast bewirten zu müssen, und dazu ihre ihr so gut wie unbekannte Nachbarin, sah man ihr deutlicher an, als es die Konvention eigentlich erlaubt hätte.

In Mrs. Hudsons Augen blitzte es auf, als ich meinen Blick zu ihr schweifen ließ. »Bis zum Frühstück dann, Miss Sterling«, setzte sie hinzu, und wenn ich mich nicht täuschte, lag etwas Erwartungsvolles in ihrer Stimme. Oder bildete ich mir das nur ein?

Ansonsten neigte ich wahrlich nicht zu Verwirrung, aber als ich nun das Haus durch die Tür in den Garten hinaus verließ und zu meinem eigenen hinüberging, herrschte in meinem Kopf durchaus etwas, das man als eine solche hätte bezeichnen können.

Eine Frau mit blauen Augen hatte dafür gesorgt.