Die Geschichte entwickelt sich erstaunlich gut weiter. Immer schon habe ich „Cosy Krimis“ wie die von Agatha Christie gern gelesen, und ich wollte sie auch gern schreiben – was ich damals mit Henrietta Murbel und die Schaufensterpuppe auch schon mal versucht habe –, aber mir hat bisher immer der richtige Aufhänger gefehlt, eine eigene Serie daraus zu machen wie Christie mit Hercule Poirot oder Miss Marple. Außerdem musste ich auch so viele Liebesromane schreiben. 😉

Mrs. Hudson und die Frau, die sie bald kennenlernen wird, wären doch aber ein wunderbares Ermittlerpaar. Dazu ein was Frauen betrifft zwar etwas begriffsstutziger, aber auch durchaus unterstützender Watson, der sich schnell von seiner ersten Überraschung erholt und sozusagen als „forensischer Ermittler“ mitmacht.

Diese Geschichte spielt um 1910 herum, und in ihrer Altertümlichkeit liegt jetzt auch der Reiz für mich. Hier kann sich eine Beziehung zwischen zwei Frauen noch ganz gemütlich entwickeln. In einem reinen Liebesroman fände ich das schwierig – es sei denn, ich wollte das im Barbara-Cartland-Stil machen, doch so schwülstig bin ich nicht 😄 –, aber im Rahmen einer Ermittlung (die allerdings auch eher harmlos ist, denn es geht nicht um Mord) können sie sich näherkommen, ohne dass gleich etwas Endgültiges passieren muss.

Im Sinne des Schreibkurses, den ich jetzt nicht mache, würde ich hier den Hinweis einstreuen, dass sich Geschichten immer erst im Kopf entwickeln müssen. Man muss ihnen Zeit geben. Was mich am Plotten stört, ist, dass dort oft so getan wird, als könnte man eine Geschichte wie auf einem Reißbrett aufzeichnen. Mit Lineal und Winkelmesser, damit auch alles ganz gerade ist.

Geschichten sind aber nicht gerade. Eine gute Geschichte geht immer auch Umwege. Erst dadurch wird sie spannend. Unvorhersehbar. Auch wenn eine Geschichte wie ein Liebesroman oder auch ein Krimi einem bestimmten Muster folgt, darf sie trotzdem nicht langweilig werden, weil man einfach am Lineal entlangschauen und schon ganz genau sehen kann, wo sie hinführt. So funktionieren nur schlechte Geschichten.

Gute Geschichten haben einen langen Atem. Wozu bei dieser Geschichte hier auch die Langsamkeit, die Gemütlichkeit der damaligen Zeit beiträgt. Die Zeit, in der sie spielt, führt dazu, dass Geschehnisse automatisch verzögert werden.

Dr. Watson und Mrs. Hudson haben sich jetzt unterhalten, und nun fahren sie nach Hampstead Heath hinaus.

 

2

 

Die Droschkenfahrt nach Hampstead Heath dauerte fast eine Stunde. Oft wurde es auch als die Lunge Londons bezeichnet, seit es offiziell dazugehörte. Die Menschen dort nannten es jedoch immer noch das Dorf. Mit der Zeit hatte es sich zu einem Ort für Künstler, Intellektuelle und wohlhabende Individualisten entwickelt, die der Hektik der Großstadt entfliehen wollten.

Hampstead Heath selbst war eine riesige wilde Grünfläche, kein gepflegter Stadtpark wie der Hyde Park, sondern eine raue Hügellandschaft mit Teichen, Farnen und altem Baumbestand. Für Martha fühlte sich die Reise dorthin immer wie ein Ausflug aufs Land an, auch wenn die Stadtgrenzen das Dorf längst geschluckt hatten.

Während das Zentrum Londons verrußt, laut und eng war, lag Hampstead auf einem Hügel. Die Luft war sauberer, das Tempo gemächlicher. Die Straße dorthin führte ständig bergan. Selbst ein starkes Pferd konnte den Aufstieg nur langsam bewältigen.

Martha machte sich Sorgen. Seit Eleanor ihr den Brief geschrieben hatte, dachte sie darüber nach, was in der Abgeschiedenheit von Hampstead Heath alles geschehen konnte. In der Stadt patrouillierte an jeder Ecke ein Bobby, einer der Streifenpolizisten, deren hohe Helme man schon von weitem sah und die man schnell zu Hilfe rufen konnte. Aber hier draußen? Und dann auch noch bei Nacht, wenn alles schlief?

Das gleichmäßige Schaukeln der Droschke und das rhythmische Klappern der Hufe auf dem Weg nach Norden machten sie nervös. Zeitweise hatte sie das Gefühl, sie wäre schneller angekommen, wäre sie ausgestiegen und gelaufen.

Aber sie wusste, dass das nur der Besorgnis zuzuschreiben war, die sie erfüllte. Als ältere Schwester hatte sie Eleanor gegenüber einen Beschützerinstinkt entwickelt, der jetzt voll anschlug.

Bis vor kurzem war noch Arthur Hammersmith dagewesen, Eleanors Mann, und er hatte die Verantwortung getragen. Ein wohlhabender Geschäftsmann, von dem Eleanor gut versorgt worden war.

Leider war ihre Ehe kinderlos geblieben, sehr zu Eleanors Enttäuschung, da sie sich sehr gewünscht hatte, Mutter zu werden. Auch Martha war dieser Segen verwehrt geblieben. Das wiederum hatte sie in einer gewissen Trauer verbunden. Mit ihnen würde der Zweig der Familie Parker, aus der sie stammten, aussterben.

Aber noch nicht. Noch war es dazu zu früh.

Martha straffte ihre Schultern. Sie hatte das Leben immer angepackt, wie es kam. Als sie so jung Witwe geworden war und das Haus geerbt hatte, hatte sie keine andere Wahl gehabt, als Zimmer zu vermieten, und das hatte sie dann getan, auch wenn sie sich zuvor so etwas nie hätte träumen lassen.

Genauso wenig wie einen so exzentrischen Mieter wie Mr. Sherlock Holmes. Dr. Watson war ja in Ordnung – sie warf schnell einen Blick zu ihm auf der anderen Seite der Kutsche hinüber, wie er da am Fenster saß und auf die vorbeiziehende Landschaft, die immer ländlicher wurde, hinaussah –, aber Mr. Holmes …

Und doch … Sie musste fast lächeln. Seit die beiden bei ihr eingezogen waren, war es keine Minute lang langweilig gewesen, das musste sie zugeben.

Hin und wieder hatte sie sich über die Rücksichtslosigkeit geärgert, mit der Mr. Holmes die Menschen um sich herum behandelte – inklusive Martha Hudson –, aber auf der anderen Seite hatte Dr. Watson das immer abzuschwächen gewusst, vieles davon mit seiner freundlichen Art ausgeglichen.

Letztendlich waren die beiden zu so etwas wie ihren Kindern geworden. Den Kindern, die sie nie gehabt hatte. Zu alt, um wirklich ihre Kinder zu sein, doch wenn man eins zumindest von Mr. Holmes sagen konnte, dann dass er im Kopf wohl immer ein Kind geblieben war. Er war nie erwachsen geworden.

»Ist die Luft nicht herrlich?« Dr. Watson streckte seine Gestalt ein wenig und schaute Martha an. »Langsam hat man wirklich das Gefühl, auf dem Land zu sein.«

»Das dachte ich vorhin auch.« Sie lächelte. »Es sind nur ein paar Meilen, und doch ist es, als käme man in eine ganz andere Welt. Manchmal habe ich Eleanor richtig beneidet.« Schmunzelnd fügte sie hinzu: »Und sie mich, weil ich alle Annehmlichkeiten der städtischen Geschäfte direkt vor der Tür hatte.«

»Die Kirschen in Nachbars Garten.« Er lachte gutmütig. »Immer ist das Gras grüner auf der anderen Seite des Zauns.«

»Das ist wohl so.« Martha nickte. »Vielleicht sollte ich Eleanor bitten, zu mir zu ziehen. Jetzt, wo sie auch Witwe ist.«

»Oder Sie zu ihr?« Er hob die Augenbrauen. »In die frische Luft von Hampstead Heath?«

»Ach, ich weiß nicht.« Nun blickte auch Martha zum Droschkenfenster hinaus.

Sie und Eleanor waren in den weiten Feldern von Hampshire aufgewachsen, und das große London war damals sehr fern gewesen. Unvorstellbar fern.

Jetzt jedoch war es schon seit Jahrzehnten ihre Heimat. Der Smog, der typische dichte gelbe Londoner Nebel, bei dem man die Hand nicht vor Augen sah, weshalb er ganz zu recht Erbsensuppe genannt wurde, die Geschäftigkeit der Straßen, die Händler, die herumzogen und laut ihre Waren anpriesen, die vielen Menschen und vielen Schicksale, die sie in all der Zeit kennengelernt hatte. Nicht zuletzt auch durch ihre beiden Mieter.

Vermutlich dachten die meisten Leute, sie hätte sich das lieber erspart, schätzten sie als eine Frau ein, die ein geruhsames Leben vorgezogen hätte, mit einem Mann und Kindern auf dem Land, und wären überrascht gewesen, wenn sie ihnen gesagt hätte, dass das nie ihr Ideal dargestellt hatte.

Schon als Kind war sie lieber auf Bäume geklettert statt in der Stube zu sitzen und zu sticken. Sie war diejenige gewesen, die die Schürze in den Gürtel steckte und sich an den ersten erreichbaren Ast schwang, um hinaufzuklettern, während Eleanor unten stand und »Komm runter, Martha! Bitte! Du wirst dir den Hals brechen!« rief.

Heute sah man das Martha nicht mehr an, aber sich an das anzupassen, was von einer Frau als schicklich verlangt wurde, war ihr schwergefallen. Vielleicht auch deshalb hatte sie nach London geheiratet und war nicht auf dem Land geblieben.

London, das hatte Abenteuer verheißen, weitere Horizonte in einer anderen Art als der eines Sonnenuntergangs über den Hügeln von Hampshire.

Martha Parker war neugierig gewesen, lernbegierig, weltoffen, konnte man sagen. Ein hübsches Mädchen, das nicht nur einen Mann zur Auswahl gehabt hatte, bevor sie sich für Henry Hudson entschied.

Henry hatte sich als ein guter Mann erwiesen, und sie hatte ihn sehr betrauert, als er so früh von ihr gegangen war. Eine Lungenentzündung hatte ihn in der Blüte seiner Jahre dahingerafft. Martha hatte ihn gepflegt, aber sie hatte ihn nicht retten können.

Danach hatten die meisten wohl von ihr erwartet, dass sie erneut heiraten würde, jung, wie sie war, aber das hatte sie aus irgendeinem Grund nicht gereizt. Hatte man einmal ein gutes Leben gehabt, war es schwer, ein besseres zu finden.

Als Hausbesitzerin hatte sie dennoch einige Verehrer gehabt, sie war eine gute Partie gewesen. Doch sie hatte sich dagegen entschieden, sich noch einmal an einen Mann zu binden. So war sie eine unabhängige Frau geblieben, die mit ihrem Leben durchaus zufrieden war.

Mit der Zeit hatte sie mehrere junge Mädchen ins Haus genommen, die sie für die Hausarbeit ausgebildet hatte, die die Treppen putzten und die Zimmer in Ordnung hielten, die Kamine anfeuerten, ihr in der Küche halfen und meistens, wenn sie das alles gelernt hatten, heirateten und fortgingen.

Ihre letzte Haushaltshilfe war geblieben. Sie würde wohl nicht mehr heiraten, denn mittlerweile war sie bereits über dreißig Jahre alt, keine junge Frau mehr. Als Mädchen hatten ihre Eltern sie aus einem sehr armen Dorf in Wales nach London geschickt, weil sie nicht genug hatten, um alle ihre Kinder zu versorgen. Sie hatten gehungert.

Nur Haut und Knochen, so war die kleine Dilys Jones in London angekommen, damals erst zwölf Jahre alt. Martha hatte sie praktisch auf ihrer Türschwelle gefunden, wo Dilys erschöpft zusammengebrochen war. Natürlicherweise hatte Martha nichts anderes tun können, als das erbarmungswürdige Häufchen Elend mit hineinzunehmen und sie erst einmal aufzupäppeln. 

Dilys hatte sich als sehr anstellig erwiesen, zuerst noch Marthas damaliges Hausmädchen Gwenda unterstützt und auch von ihr gelernt, bis Gwenda wie all die anderen geheiratet hatte.

Da Gwenda genau wie Dilys aus Wales stammte, hatten die beiden sich vor allem am Anfang sehr oft in ihrem walisischen Heimatdialekt unterhalten, von dem Martha kein Wort verstand. Es war wie eine Geheimsprache oder ein schnelles, melodisches Singen eines Liedes, das man nicht kannte.

Ja, Dilys und sie waren in den letzten fast zwanzig Jahren ziemlich zusammengewachsen, wenn man diese Anfänge bedachte. Und vermutlich würde sich daran auch nichts mehr ändern.

Da Martha keine Kinder hatte, hatte sie sogar schon daran gedacht, Dilys das Haus zu vererben, wenn sie starb. Wem auch sonst? Irgendeiner um zehn Ecken verwandten entfernten Nichte oder einem ebenso entfernten Neffen, den sie vielleicht das letzte Mal nach seiner Geburt in Windeln gesehen hatte oder noch nicht einmal das?

»Was wissen Sie nicht?«, fragte Dr. Watson.

»Ich bin zwar auf dem Land aufgewachsen«, beantwortete Martha seine Frage, »aber nun bin ich doch schon lange eine richtige Londonerin.« Sie lächelte. »Die ohne die Erbsensuppe nicht leben kann.«

»Darauf könnte ich gut verzichten!« Er lachte. »Man läuft gegen wildfremde Menschen, wenn man abends einen Spaziergang macht, und würde sie bei Tag noch nicht einmal wiedererkennen, so verschwommen ist der Anblick.«

Auch Martha musste lachen. »Wer weiß, ob man da etwas verpasst?«

Wieder schauten sie beide zum Fenster hinaus.

Die Droschke begann nun, das letzte Stück des Hügels nach Hampstead hinauf in Angriff zu nehmen. Die Luft wurde merklich kühler und roch nach feuchtem Farn und lockerer Erde. 

Martha spürte, wie das alte Gefühl aus ihrer Kindheit, wenn sie damals eine Baumkrone erklommen und von dort auf die Welt hinuntergeschaut hatte, dieses Kribbeln in den Fingerspitzen, sobald man sich auf unbekanntes Terrain begab, von dem man noch nicht genau einschätzen konnte, was dort zu entdecken sein mochte, langsam in sie zurückkehrte.

Was für ein Geheimnis auch immer dort oben auf dem Hügel auf sie wartete, sie würde ihm auf den Grund gehen.