In der Statistik dieser Seite habe ich gesehen, dass mein kleiner Beitrag zu den beiden Figuren erstaunlich viel Interesse hervorgerufen hat. Das hat mich überrascht, denn eigentlich war das damals nur so ein kurzer Gedankenblitz, wie man ihn als Schriftstellerin oft mal so nebenbei hat. Weiter hatte ich zwischenzeitlich auch nicht darüber nachgedacht.

Doch in den letzten Tagen habe ich so viel Spaß daran gefunden, mit Ideen herumzuspielen, dass ich dachte, ich könnte mich auch mit dieser Geschichte noch einmal intensiver beschäftigen. 

Hudson und Watson ist kein Buch, wie ich es normalerweise schreiben würde. Aber es macht mir eben gerade Spaß, die Idee näher zu erforschen und zu schauen, was dabei herauskommt.

Als ich dieses kleine Stückchen, das ich damals geschrieben hatte, wieder las, kam mir der Gedanke, dass es doch eigentlich sehr schön wäre, wenn Mrs. Hudson nicht mehr so allein sein müsste. In den Sherlock-Holmes-Büchern wird ja nicht viel über sie gesagt, aber dass sie allein ist, ist klar. Sie scheint keine Kinder zu haben und auch keinen Partner, seit ihr Mann gestorben ist.

Das war um 1900 herum auch nicht üblich. Es war gar nicht denkbar, dass man einfach so mit jemandem zusammenlebte, und offenbar hat Mrs. Hudson auch nicht wieder geheiratet. Doch wir müssen uns ja nicht nach dem richten, was damals üblich war. Und da kam mir der Gedanke, warum Mrs. Hudson nicht eine Frau an die Seite stellen? Die späte Liebe ihres Lebens.

Fangen wir also mit dem leicht umgeschriebenen Anfang, den ich schon vor einiger Zeit hier eingestellt hatte, an, an den ich nun die Fortsetzung angeschlossen habe:

 

Das Geheimnis von Hampstead Heath

»Dr. Watson?« Es klopfte an der Tür, und Dr. John H. Watson blickte von dem Buch, in dem er gerade gelesen hatte, auf.

»Ja?« Mit einem leicht fragenden Blick setzte er die Brille ab, ohne die er seit einiger Zeit weder lesen noch schreiben konnte.

Seine und Holmes’ Hauswirtin, die gerade geklopft hatte, öffnete die Tür nun und trat ein. Sie sah etwas ratlos aus.

»Kann ich etwas für Sie tun?«, fragte er.

Im Allgemeinen war Mrs. Hudson nicht auf den Mund gefallen, aber im Moment schien es so, als ob sie den Zugang dazu verloren hätte.

Endlich räusperte sie sich. »Vielleicht«, sagte sie.

Er hob die Augenbrauen und sah sie an. Viel mehr konnte er nicht tun. Denn er wusste nicht im Entferntesten, worum es hier ging. Mrs. Hudson verhielt sich in seinen Augen ziemlich ungewöhnlich.

Es dauerte ein paar Sekunden, bevor sie erneut ansetzte. »Es geht um meine Schwester.« Nur zögernd fügten sich die Silben zusammen.

Leicht lächelnd nahm er diese Information zur Kenntnis. »Ihre Schwester? Werden Sie wieder für ein paar Tage zu ihr fahren?«

Fast ein wenig verlegen, wie es schien, obwohl das gar nicht zu ihr passte, schüttelte sie den Kopf. »Nein, ich …« Unbehaglich räusperte sie sich. »Ich will zu ihr fahren, das schon, aber …« Ein tiefer Atemzug folgte. »Wäre es vielleicht möglich, dass Sie mitkommen?«

Das überraschte Watson dann doch. »Mitkommen? Zu Ihrer Schwester? Ich?«

Für einen Augenblick schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass Mrs. Hudson sich den Damen angeschlossen haben könnte, die ihn ständig verkuppeln wollten, seit seine Gattin gestorben war. Doch dann sah er, dass dieses Funkeln, das ein solches Ansinnen meist begleitete, in Mrs. Hudsons Augen fehlte.

»Ja«, murmelte sie und senkte den Kopf. »Aber wenn Sie keine Zeit haben …« Mit hängenden Schultern drehte sie sich um und wollte das Zimmer offensichtlich wieder verlassen.

»Aber nein!« Er sprang auf und ging zu ihr hinüber, legte eine Hand auf ihre Schulter. »Natürlich habe ich Zeit. Ich bin schließlich in Rente.« Er lachte. »Auch wenn Holmes das meistens nicht wahrnimmt.«

»Ja, Mr. Holmes …« Sie zögerte erneut. »Wissen Sie …«, sie drehte sich wieder zu ihm um, »es geht nämlich um ein … Rätsel.«

»Ein Rätsel?« Das sagte Watson überhaupt nichts, und so schaute er sie nur fragend an.

Nickend fuhr sie fort: »Meine Schwester hat schon einige Male versucht, die Polizei zu holen, aber sie kommen nicht mehr.«

Auch das klärte den pensionierten Arzt in keiner Weise auf, deshalb übte er einen leichten Druck auf ihre Schulter aus und führte sie zu einem der beiden Sessel, die in seinem Zimmer standen. »Ich glaube, Sie setzen sich besser und erzählen mir die ganze Geschichte.«

»Zuerst sollte ich noch einen Tee –« Trotz seiner Hand an ihrer Schulter wandte sie sich mehr zur Tür als zum Sessel.

»Später gern.« Entschlossen drückte er sie auf den Sessel hinunter. Ein Verhalten, das ihm bei einer Dame normalerweise widerstrebte. Doch hier schien es ihm angebracht. Denn irgendetwas war mit der treuen Mrs. Hudson ganz und gar nicht in Ordnung. Und sie hatte es verdient, dass man ihr zuhörte. »Aber jetzt will ich erst einmal wissen, worum es geht.«

Unentschlossen saß sie da und drehte das Taschentuch, das sie schon beim Eintritt in der Hand gehalten hatte, zwischen ihren Fingern. »Sie werden sagen, es ist albern.«

»Wie wäre es, wenn Sie dieses Urteil mir überlassen?«, erwiderte er lächelnd. »Nachdem Sie mir die Geschichte erzählt haben?«

Endlich schien sie sich zu entschließen. »Meine Schwester denkt, es ist ein Geist.« Sie hob den Blick und sah ihn an. »Aber Geister gibt es nicht.«

Dem stimmte er innerlich ganz automatisch zu. Als Arzt glaubte er nicht an Geister, nur an Krankheiten. »Nein«, sprach er es dann auch laut aus. »Geister gibt es nicht.« Er überlegte kurz und ließ sich dann in dem Sessel ihr gegenüber nieder. »Ihre Schwester wird also … belästigt?«

»So …«, erneut zögerte sie, »kann man das glaube ich nicht sagen.« Sie räusperte sich. »Sie wissen doch, meine Schwester Eleanor lebt in einem kleinen Cottage am Rande von Hampstead Heath. Ganz allein, seit ihr Mann gestorben ist. Ab und zu kommt eine Zugehfrau aus dem Dorf, die ihr die grobe Arbeit abnimmt, aber die schläft nicht im Haus. Nachts ist da nur Eleanor.«

Etwas vorsichtig schaute sie ihn an, ob er ihr überhaupt noch zuhörte. Sein Mitbewohner Holmes hätte sie schon längst unterbrochen. Doch Holmes war nicht da. Er hatte sich mal wieder für einige Zeit verabschiedet, ohne zu sagen, wohin.

»Und deshalb bekommt sie Angst.« Verständnisvoll nickte er. »Sie war es gewöhnt, dass ihr Mann bei ihr war, und jetzt ist er fort.«

»Das schon.« Martha Hudson schien zu überlegen. »Aber sie bildet sich das nicht ein«, fuhr sie dann fort. »Obwohl die Polizei das behauptet.« Mit einem empörten Gesichtsausdruck schaute sie ihn von unten herauf an. »Eleanor sagt, sie halten sie wohl schon für senil. Aber das ist sie nicht. Sie ist jünger als ich!«

 John Watson hatte Mrs. Hudsons Schwester Eleanor noch nie gesehen, aber da Mrs. Hudson wohl etwas über sechzig war – ihr genaues Alter kannte er nicht –, war Eleanor vermutlich so Ende fünfzig. Zu jung, um als senil zu gelten, da hatte die patente Haushälterin recht.

Doch einbilden konnte man sich trotzdem vieles, das hing nicht vom Alter ab. Eine gerade verwitwete Frau nachts allein in einem einsam gelegenen Haus …

»Ich sehe, was Sie denken, Dr. Watson«, unterbrach Mrs. Hudson seine Überlegungen. »Eleanors Kopf ist völlig in Ordnung, das können Sie mir glauben. Und besonders ängstlich war sie auch noch nie. Sie steht mit beiden Beinen im Leben, genau wie ich. Aber wenn Sie meinen, dass sie sich das alles nur einbildet –« Erregt sprang sie auf.

»Aber nein.« Sofort hob er besänftigend die Hände. »Das habe ich nicht gesagt.« Dass er es gedacht hatte, musste er ja nicht offen zugeben. Er wollte Mrs. Hudsons Gefühle nicht verletzen. »Wenn Ihre Schwester Ihnen ähnelt, wird sie nicht zu Einbildungen neigen.«

Ihre Brust hob und senkte sich, während sie schwer atmete, doch dann setzte sie sich wieder. »Seit Wochen geschehen seltsame Dinge«, fuhr sie fort und sah Watson nun wieder an. »Nachts hört sie Schritte, Möbel stehen morgens an anderen Plätzen, und – das ist das Seltsamste – Wertsachen verschwinden keine. Stattdessen findet Eleanor Dinge, die sie vor Jahren verloren geglaubt hat, plötzlich auf ihrem Küchentisch wieder. Eine alte Brosche, ein vergilbtes Foto …« Kopfschüttelnd brach sie ab.

Unverhofft musste Watson lachen. »Also mehr ein Heinzelmännchen, das aufräumt, als ein Geist!«

»Eleanor findet das nicht amüsant, Dr. Watson.« Strafend blickte sie ihn an. »Es muss jemand nachts ins Haus kommen, und sie weiß nicht, wie. Türen und Fenster sind geschlossen. Dafür trägt sie nun noch mehr Sorge als früher. Sie überprüft das jeden Abend, bevor sie ins Bett geht, sehr gewissenhaft. Und wenn sie mir das versichert, tut sie das auch.«

»Selbstverständlich.« Er räusperte sich. Das Misstrauen, das er gegen jede Art von Unwissenschaftlichkeit empfand, gegen das Unerklärliche, das so gern etwas anderem zugesprochen wurde als der Logik, die ihm an Holmes so imponierte, wurde ihm selbst fast peinlich. »Gegenstände verschieben sich nicht einfach von selbst. Oder sammeln sich plötzlich auf dem Küchentisch. Auch wenn es Leute gibt, die glauben, dass Geister in Séancen zu uns sprechen können.«

»Na ja, manchmal …« Auch Mrs. Hudson schien das zumindest teilweise nicht auszuschließen. Doch dann straffte sie ihre Schultern. »Nein, das gibt es nicht. Es ist ein Mensch, der das tut«, beschloss sie dann jedoch.

»Oder vielleicht ein Tier?«, vermutete Watson. Fragend schaute er sie an. »Ich meine, da draußen in Hampstead Heath …«

»Ein Tier, das Broschen und vergilbte Fotos findet, die es dann auf den Küchentisch legt?« Mrs. Hudsons messerscharfer Verstand erinnerte in diesem Augenblick an den von Holmes.

»Sie haben recht.« Nachdenklich hängte Watson seine Daumen in die Westentaschen ein. »Das ist unwahrscheinlich.« Mit einem unternehmungslustigen Funkeln in den Augen sah er sie an. »Dann wird uns wohl nichts anderes übrigbleiben, als hinauszufahren und die mysteriöse Angelegenheit zu untersuchen.«

Ein Lächeln schlich sich in ihr Gesicht. »Sie fahren mit?«

»Um nichts würde ich mir das entgehen lassen.« Auf einmal hatten seine Bewegungen etwas Jungenhaftes, als er zur Tür ging.

Holmes war nicht da, und endlich einmal konnte er beweisen, dass er auch ohne seinen übermächtigen Freund einen Fall lösen konnte.

Wenn das hier ein Fall war. Was er bezweifelte. Aber es war auf jeden Fall eine unterhaltsame Beschäftigung für einen Rentner, der sonst nichts zu tun hatte.

»Lassen Sie uns fahren.«