Woche 3 liegt hinter uns. Wie läuft es? 😊 Je länger der Monat dauert, desto schwieriger wird es. Oder ist es eher umgekehrt? Man schreibt sich ein, und es läuft besser?
Auf jeden Fall stelle ich fest, dass die Geschichte mehr Gestalt annimmt. Was allerdings der normale Ablauf ist, wenn man wie ich ein sogenannter Discovery Writer ist. Wir entdecken die Geschichte beim Schreiben.
Wenn man zuerst einen Plot braucht, um eine Geschichte zu schreiben, sollte man das nicht im NaNoWriMo-Monat tun. Das hält zu sehr auf. Und es zählt nicht zu den 50.000 Wörtern dazu, jedenfalls nicht nach den Originalregeln. Nun, da es den offiziellen NaNoWriMo nicht mehr gibt, kann man sich ja aber auch seine eigenen Regeln machen.
Das heißt, wenn man den Plot während des NaNoWriMo schreiben will, kann man das selbstverständlich tun. Dann würde man nicht die Wörter zählen, sondern den Fortschritt im Plot.
Beispielsweise 25 Kapitel oder 50 Szenen als 100% betrachten. Diese Zahlen sind jetzt beliebig gewählt, es können auch 50 Kapitel und 75 oder 90 Szenen sein. Manchmal ist auch jede Szene ein Kapitel – bei mir ist das oft so –, also dann wäre die Anzahl der Kapitel identisch mit der Anzahl der Szenen.
Es gibt NaNoWriMo-Teilnehmerinnen, die genauso arbeiten. Ein Monat für den Plot, ein Monat fürs Schreiben, ein Monat für die Überarbeitung des beim Schreiben entstandenen Rohentwurfs. Man kann aus jedem Monat einen NaNoWriMo-Monat machen, um sich selbst eine Deadline zu setzen.
Denn das größte Problem beim Schreiben – und das ist auch der Grund, warum der NaNoWriMo entstanden ist – ist oft nicht das Schreiben selbst, sondern das Beenden des Geschriebenen. Das Beenden des Romans, den man irgendwann einmal angefangen hat.
Das Anfangen fällt vielen Schreibenden nicht schwer. Man hat eine Idee und schreibt sie hin. Aber was dann?
Insbesondere, wenn man zur ansehnlichen Gilde der Discovery Writer gehört, ist das die große Frage. Eine Geschichte – jedenfalls die Art von Geschichte, über die ich hier rede – lebt von den Figuren. Von denen hat man oft aber gar keine richtige Vorstellung, wenn man einfach so mit einer Idee anfängt.
Viele Schreibende beginnen eine Geschichte mit einer Figur, die ihnen ähnlich ist, ein sogenanntes Alter Ego, übersetzt: ein anderes Ich. Über diese Figur wissen sie am meisten. Oder glauben das zumindest. Die meisten Menschen kennen sich selbst genauso wenig wie einen anderen Menschen. Sie denken kaum über sich selbst nach.
Aber lassen wir das einmal beiseite. Von sich selbst weiß man zumindest, was man mag oder nicht mag, kennt die eigene Lieblingsfarbe, das eigene Lieblingsessen, die eigene Lieblingsbeschäftigung.
Ganz abgesehen davon, dass man weiß, wie groß man ist und was für eine Haarfarbe man hat, was für eine Augenfarbe, was für eine Figur, ob man sportlich ist oder seine Zeit lieber zu Hause mit Bücherlesen verbringt, was für einen Beruf man ausübt, welche Hobbys und Freizeitbeschäftigungen einem Spaß machen. Man kennt seine Eltern, seine Geschwister, seine Verwandten, seine Bekannten, seine Freunde. Auch das, worüber man sich Sorgen macht oder worüber man sich freut.
Nimmt man sich selbst als Vorbild, kann man in den meisten Situationen, in denen man diese Figur in einer Geschichte agieren lässt, genau sagen, wie diese Figur reagieren wird. Sie reagiert ja so, wie man auch selbst reagieren würde.
Nun kann man eine Geschichte aber schlecht nur von einer einzigen Figur handeln lassen. Das wäre ein reiner Monolog. Wenn man das schreiben will, ist das auch in Ordnung, aber die meisten Geschichten handeln nicht nur von Aktion und Reaktion einer einzelnen Figur, sondern auch von Inter-Aktion zwischen mehreren Figuren.
Und nicht alle Figuren können so sein wie die Hauptfigur, also das Alter Ego der Erzählerin, der Autorin. Oder ja, sie können, aber sie sollten nicht. Das könnte sehr langweilig werden.
Aber durchaus auch lehrreich. Denn wenn man sich selbst als das eigene Gegenüber sieht, erfährt man vielleicht Dinge über sich, die man vorher gar nicht wusste. Es gibt ja auch Charaktereigenschaften, die man an sich selbst nicht mag. Wenn das Gegenüber nun genauso ist wie ich selbst und dieselben Charaktereigenschaften hat? Das könnte interessant sein.
Für die Argumentation in diesem Text hier gehen wir aber einmal davon aus, dass wir verschiedene Figuren brauchen, verschiedene Charaktereigenschaften, nicht nur unsere eigenen.
Da beginnt das Handwerk. Wie erfinde ich eine Figur, die nicht ich selbst ist? Der einfachste Weg wäre, sich selbst zu spiegeln. Ich bin groß, die Figur ist klein, ich bin dünn, die Figur ist dick, ich bin blond, die Figur ist dunkelhaarig, ich habe lange Haare, die Figur hat kurze, ich bin sportlich, die Figur ist es nicht.
Damit zwei Figuren interagieren, also überhaupt eine Beziehung zueinander aufbauen können – welcher Art auch immer – wäre es allerdings von Vorteil, wenn sie auch etwas gemeinsam hätten.
Insbesondere für einen Liebesroman, und das ist es, worum es hier geht, müssen sie sich gegenseitig anziehend finden. Zwar gibt es den Spruch Gegensätze ziehen sich an, aber auch Gleich und gleich gesellt sich gern. Meistens ist es bei uns im täglichen Leben eine Mischung aus beidem.
Wenn ein Roman diese Erfahrung widerspiegeln soll, wäre das auch im Roman so. Man lernt sich über einen Gegensatz kennen und findet dann auch Gemeinsamkeiten. Oder man lernt sich über eine Gemeinsamkeit kennen und findet dann auch Dinge, in denen man nicht übereinstimmt.
Wenn ich also eine Figur erfinden will, die nicht die absolute Widersacherin meines Alter Ego sein soll, muss sie eine vielschichtige Figur sein. Sie muss gute und schlechte Eigenschaften haben, positive und negative Charakterzüge, eine Hintergrundgeschichte, die zu Anfang meistens noch nicht bekannt ist.
Meine eigene Hintergrundgeschichte kenne ich, wie ich aufgewachsen bin, meine Familie, meine Umgebung, meine Erlebnisse von Kindheit an, aber die einer anderen Figur kann nicht dieselbe sein. Oder sollte nicht, wie oben schon gesagt.
Will ich eine Figur oder sogar mehrere andere Figuren für einen Roman erst im NaNoWriMo erfinden und festlegen, dann wird die Zeit knapp. Deshalb sollte man – wenn man den NaNoWriMo wirklich fürs Schreiben nutzen will – diese Arbeit vor dem ersten Tag des NaNoWriMo erledigt haben.
Denn es wird schwierig, eine Geschichte zu schreiben, wenn man seine Figuren nicht kennt.
Zum Handwerk sage ich nächsten Sonntag noch etwas, aber jetzt geht es erst einmal ums Schreiben.
Achtung, fertig, los! 🏃♀️➡️