Schon seit einiger Zeit beginnt das Genre Dark Romance immer größere Marktanteile am Liebesromanmarkt zu erobern. Ich habe das erst nach einiger Zeit mitgekriegt, weil das vor allem im Heteromarkt so stark zugenommen hat, bei lesbischen Liebesromanen aber nicht so verbreitet war.

Das bekannteste Beispiel für Dark Romance ist wohl Fifty Shades of Grey und bei denen, die mehr für Vampire schwärmen, das Teenager-Drama Twilight, das schon Jahre zuvor für Furore sorgte.

Nicht dass diese Art Liebesromane etwas völlig Neues sind. In der Tat ist das sogar schon etwas sehr Altes im Bereich der romantischen Literatur (nicht zu verwechseln mit Literatur aus der Epoche der Romantik, das ist wieder ein ganz anderes Thema). Seit Ende des achtzehnten und dann insbesondere im neunzehnten Jahrhundert und auch noch im frühen zwanzigsten waren Romane dieser Art gar nicht so selten. Es gibt aus dieser Zeit sogar den Begriff der Schwarzen Romantik.

Da ging es oft um sogenannte Schauerromane, die damals sehr populär waren. Auch heute noch kennt man den Begriff der Gothic Novel, insbesondere in England extrem beliebt, wo das Genre auch erfunden wurde. Diese Schauerliteratur begründete zusammen mit der Schwarzen Romantik das, was wir heutzutage unter Horror verstehen.

Und da fehlt mir dann endgültig der Bezug zu Romance. Romantik und Horror? Für mich unvorstellbar. Wir alle, die wir Liebesromane schreiben, ziehen die Spannung des Romans aus Unvereinbarkeiten, charakterlichen Gegensätzen, unterschiedlichen Erfahrungen, Geheimnissen, Rätseln, Missverständnissen. Die könnten theoretisch auch grausig sein, aber darin sehe ich nicht den Sinn eines Liebesromans.

Manchmal habe ich heutzutage jedoch das Gefühl, mit dieser Meinung stehe ich ziemlich allein da. Was ist das nur, was Menschen, die lesen, so zu Düsterem hinzieht? Wenn man sich die Mehrzahl der im Moment erfolgreichen und nachgefragten Genres anschaut, stehen da ganz weit oben diejenigen, die eher schauerlich sind. Serienkiller, Horror, düstere Liebesromane, Thriller oder Psychothriller, die ich früher sogar ganz gern gelesen oder als Filme gesehen habe, die aber mittlerweile auch nur noch mit billigen Effekten vollgestopft sind, weniger mit psychologischem Hintergrund.

Der wäre ja wenigstens noch interessant, deshalb habe ich früher solche Sachen eben gern angeschaut oder gelesen, aber das Gefühl fürs Subtile, für das Unterschwellige scheint verlorengegangen zu sein. Alles wird konkret gezeigt oder gesagt, nichts nur angedeutet oder der Phantasie der Lesenden oder Zuschauenden überlassen. Das ist für mich dann langweilig.

Brutalität und Gewalt sind so bedrohlich sie auch sein mögen niemals interessant, höchstens die Hintergründe, warum und wie so etwas entsteht. Die werden aber oft gar nicht mehr aufgedeckt oder auch nur angesprochen. Brutale oder gewalttätige Protagonisten (und Protagonistinnen) werden wie Sympathieträger hingestellt.

Wenn es dabei um irgendwelche Haudrauf-Filme oder-Bücher geht, kann ich das zumindest halbwegs noch verstehen. Nur Action, die Charaktere sind flach und brauchen keinen Grund für das, was sie tun, es geht nur darum, möglichst viele Leute zusammenzuschlagen oder umzubringen. Was auch immer das für eine Art von Kultur oder Zivilisation widerspiegeln soll.

Was ist aber mit dem Bereich Liebesroman? Der mich als einziger wirklich interessiert. Ist Liebe nicht etwas Schönes? Etwas, wonach wir uns alle sehnen, weil es uns die Erfüllung gibt, die wir brauchen? Eine Erfüllung durch Hingabe an Zärtlichkeit und gegenseitiges Vertrauen, an Entspannung als Gegenpol zu unserem so angespannten Leben, an ein Fallenlassenkönnen mit einem Menschen, den wir lieben und von dem wir geliebt werden?

Sehe ich das so falsch, wenn ich das nicht mit Gewalt, Brutalität, Dominanz und Unterwerfung in Verbindung bringen kann? Liebevolles Verhalten besteht nicht darin, sich gegenseitig zu quälen. Es besteht darin, sich gegenseitig zu unterstützen, sich gegenseitig Zuneigung zu geben, der anderen ein Nest zu bieten, in dem sie sich wohlfühlen kann, in dem keine Gefahr droht und sie sich nicht ständig gegen die Unbilden der Welt verteidigen muss, nicht ständig Angst haben muss.

Und dann kommt so etwas wie Dark Romance, das genau das in den Mittelpunkt stellt. Genau das, dem man in einer liebevollen Umgebung entfliehen will, weshalb man sich nach einem Menschen sehnt, bei dem man sich sicher und geborgen fühlen kann.

Warum? Warum gibt es solche Bücher? Warum gibt es Leute, die das gern lesen? Ist unsere Welt im Alltag nicht schon brutal genug? Müssen wir das auch noch in der Freizeit haben, zu Hause in unserem trauten Heim, in Büchern und Filmen?

Ich kenne keine Antwort auf diese Frage, aber es gibt auch eine Menge Menschen, die die Frage gar nicht verstehen, die das ganz anders empfinden als ich.

Was mich daran besonders erschreckt, ist die Tatsache, dass Liebesromane, egal welcher Ausprägung, fast ausschließlich von Frauen gelesen werden. Es gibt ausnahmsweise auch Männer, die das mögen, aber der Anteil ist verschwindend gering.

Oft schreibt man Männern ein größeres Aggressionspotenzial zu, eine größere Affinität zu Brutalität und Gewalt, schon allein, weil sie mehr Muskeln als Frauen haben, egal ob sie die trainieren oder nicht. Auch ein kleiner untrainierter Mann kann mehr Kraft einsetzen als eine kleine untrainierte Frau. Von Bodybuildern und Bodybuilderrinnen will ich hier gar nicht reden, das ist eine ganz andere Ebene.

Auch das Testosteron spielt bei einer Bereitschaft zur Gewalt eine große Rolle, und auch damit sind Männer weit besser versorgt als wir Frauen. Wenn eine Frau mal ausprobieren will, was der Unterschied ist, kann sie sich spaßeshalber mal eine Testosteronspritze geben lassen und beobachten, was das bewirkt.

Es ist erstaunlich. Nur wegen eines Hormons. Der Mensch verändert sich dadurch ja nicht, nicht sein Charakter oder seine persönlichen Eigenschaften. Und doch ist es ein großer Unterschied, wenn so ein bisschen Testosteron hinzukommt.

Ob jemand, Mann oder Frau, der sehr viel Kraft hat, die auch einsetzt und vor allen Dingen dazu einsetzt, um anderen weh zu tun, das ist eine ganz andere Diskussion. Man kann körperlich sehr stark sein und doch sanft im Gemüt, das hängt nicht direkt zusammen.

Dennoch wird Frauen nachgesagt, dass sie weniger aggressiv sind als Männer, allein schon wegen des niedrigeren Testosteronspiegels, und es ist ja auch eine statistisch vielfach nachgewiesene Tatsache, dass Liebesromane Frauenromane sind, so gut wie ausschließlich von Frauen gelesen und zu sehr großen Teilen wenn auch nicht ausschließlich von Frauen geschrieben.

Also muss man davon ausgehen, dass Dark Romance von Frauen geschrieben wird für Frauen, die das lesen. Es gibt auch einige Autorinnen, die darüber schon in Interviews, in den sozialen Medien usw. gesprochen haben. Sie schreiben Dark Romance einerseits, weil es ihnen selbst gefällt, und andererseits, weil der Markt dafür immer größer wird und sie sich davon viele Buchverkäufe versprechen.

Auch männliche Autoren versuchen auf diesen Zug aufzuspringen, unter einem weiblichen Pseudonym, und auch diese Männer haben gar nicht so wenig Erfolg mit ihren Romanen. Den Frauen, die das lesen, scheint es auch relativ egal zu sein, wer das schreibt, eine Autorin oder ein Autor. Das Genre Dark Romance wird einfach sehr stark nachgefragt.

Und da kehre ich dann wieder zu meiner Anfangsfrage zurück: Warum?

Ich finde keine Antwort darauf.